Möller, F.: Über Differenzenmethoden bei Höhenwinden.
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einem erheblich größeren Beobachtungsmaterial als für Windmessungen mittels
Drachen- oder Fesselballons. Um die hier aufgetauchte Frage nach den wirk-
lichen Veränderungen des mittleren horizontalen Temperaturgradienten genauer
zu untersuchen, wird sich aber eine Bearbeitung der Lindenberger Drachenwind-
messungen nach den oben dargelegten Methoden lohnen.
Ungelöst ist hier die für F. Wagner ausschlaggebende Frage der Berechnung
der Beständigkeit des Windes geblieben. Bei Verwendung der vektoriellen Diffe-
renzenmethode ist es nicht leicht, das skalare Mittel für die größeren Höhen zu
berechnen, da der Korrektionsbetrag in der Praxis nicht an den einzelnen Wind-
beobachtungen, sondern erst am Mittel angebracht wird. Doch erscheint die
Berechnung dieser prozentualen Beständigkeit auch von theoretisch statistischen
Gesichtspunkten aus nicht wünschenswert, da ein solches Maß sowieso keine
klare Vorstellung von der Größenordnung der Windschwankungen gibt. Besser
dürfte eine an die Definition der Streuung in der mathematischen Statistik an-
knüpfende Größe sein, die man entweder ebenfalls als Streuung (mit der Dimension
von m/sec!) oder vielleicht auch weitergehend als Fehlerellipse mit zwei Achsen
{m/sec) und einer Richtung der großen Achse angeben könnte, Auf deren Be-
rechnung soll an anderer Stelle eingegangen werden, wo die Gültigkeit der
Grundrechnungsarten für mittels Differenzenmethode berechnete Größen behandelt
werden soll,
Es ist kein Zweifel, daß für die vollständige Beschreibung der Wind-
verhältnisse eines Ortes ebensowenig das vektorielle wie das skalare Mittel, auch
nicht in Verbindung mit irgendwelchen Streuungsmaßen, ausreicht, sondern daß
die Darstellung der Häufigkeitsverteilung das beste Verfahren ist, doch sind
auch dabei Differenzenverfahren anzuwenden, auf die hier einzugehen allerdings
zu weit führen würde. qn;versitätsinstitut für Meteorologie und Geophysik,
Frankfurt am Main, Dezember 1933.
Der Schwere-Wind.
Von Kurt Wegener.
A. Die Beobachtungen,
Auf allen vereisten Landflächen der Polargebiete fanden die Beobachter
übereinstimmend folgende Erscheinung: Der Wind bläst im Sommer und Winter
vom Eis herab — um etwa 45° abgelenkt (soweit er nicht in engen Tälern „ge-
führt“ wird), offenbar durch die scheinbare Ablenkungsbeschleunigung der Erd-
Adrebhung. Temperaturmessungen ergaben, daß die Temperatur unmittelbar über
der Schnee- oder Eisdecke am niedrigsten ist, Bereits in Augenhöhe ist die
Temperatur merklich höher und nimmt, soweit unsere bisherigen Beobachtungen
reichen, mit der Höhe noch weiter zu. In etwa 100— 200 m Höhe nimmt zugleich,
wie wir aus Pilotballonvisierungen in diesen Gebieten wissen, der Wind allgemein ab.
Vermutlich liegt hier die obere Grenze der Inversion. Die unterste Schicht dieser
von jedem Inlandeise abfließenden Luft führt bis etwa Meterhöhe (Größenordnung)
losgelösten Firn mit sich, soweit Schneedecke vorhanden ist. Dieses sogenannte
„Schneefegen“ ist sehr eindrucksvoll, führt aber an jedem Ort praktisch ebenso
viel Schnee zu wie ab und die Versuche der „Deutschen Grönland-Expedition
Alfred Wegener 1930/31% die Wirkung des Schneefegens zu messen*), führten
auf nur sehr kleine Zahlen,
Die Abtragung ist im Jahre nur eiwa von der Größenordnung Millimeter
Höhe. Dies steht in Übereinstimmung mit der Transportleistung, die uns auch
sonst vom Wind bekannt ist, Aus Windablagerung wird ja der Lößboden
Chinas erklärt und auch hier kann es sich nur um einen außerordentlich lang-
samen Prozeß gehandelt haben, weil andernfalls größere Dicken der Ablagerung
zustandeyvekommen wären.
1) Band I: Wiss, Ergebnisse d. Deutsch. Grönland-Exped, Alfred Wegener. Brockhaus 1033.
Ann, d. Hrdr. usw. 1934, Heft VI