Semmelhack, W.: Die Staubfälle im nordwest-afrikanischen Gebiet des Atlantischen Ozeans, 275
strömung des Harmattan überlagert den Kaltluftkörper des eigentlichen Passat,
der eine Vertikalausdehnung von rund 1200 m besitzt. Unmittelbar vor der Küste
wird der Passat gelegentlich außerordentlich flach, so daß seine Mächtigkeit auf
Beträge von 50 m und darunter sinkt, In solchen Fällen handelt es sich offenbar
uam eine westliche Verlagerung der normalerweise weiter im Binnenlande liegenden
kontinentalen Passatfront. Über der Harmattanschicht schließlich streichen bis
zu den größten Höhen westliche bis nordwestliche Winde.
Träger der aus dem Saharabereich stammenden Sand- und Staubmassen ist
augenscheinlich die Öst- bis Nordostströmung des Harmattan, dessen Basis
namentlich im Winter in Nordwestafrika bis auf den Erdboden reicht, Im nor-
malen jährlichen Gange der Häufigkeit der Staubfälle wird daher der Winter
das Maximum aufweisen, Fehlt die über dem Passat normalerweise liegende
Ostströmung, geht also der bodennahe NE-Passat in der Höhe unmittelbar in
westliche Strömungen über — wie es von Pummerer im März 19281!) beobachtet
worden ist —, so werden keine Staubmassen auf das Meer verfrachtet, und es
fehlt damit die Veranlassung zu mechanischen Sichttrübungen und zu Staub-
Fällen, Das sekundäre Maximum im Sommer findet seine Erklärung vermutlich
in dem Auftreten außerordentlich heftiger Wirbel, die in dieser Jahreszeit am
südlichen Rande der Sahara, dem Konvergenzgebiet Harmattan/SW-Monsun, sich
bilden. Wahrscheinlich haben wir es hier mit einer klimatischen isobaren-
parallelen Staubwirbelzone zu tun, dem tropischen Gegenstück zu einer von
Bergeron und Swoboda geschilderten?) wetterlichen „isobarenparallelen
Regenzone“, Wir dürfen erwarten, daß in dieser Zone sich ähnliche Witterungs-
vorgänge abspielen (örtlicher Charakter der Wirbel, Windstillen, unruhiger Ver-
lauf der Isolinien), wie sie der von den genannten Autoren hervorgehobene
„Wetterbericht der Deutschen Seewarte“ vom 12. Oktober 1923 (Castens) ver-
merkt hat, Die „Dschani“%*) genannten Wirbel tragen Wüstensand bis in große
Höhen, wo er von dem östlichen Oberwind erfaßt und dem atlantischen Meeres-
gebiet zugeführt wird.
Selbstverständlich ist das Vorkommen der Staubfälle je nach den meteoro-
logischen Vorbedingungen zu ihrer Bildung in den einzelnen Jahren verschieden,
Dasselbe gilt auch hinsichtlich ihrer Stärke, Von feinstem rotgelbem Staub
bis zu grobem rotbraunem Wüstensand werden alle Übergänge festgestellt.
Treffend wird die Auswirkung eines starken, Mitte Februar 1934 bei den Kana-
rischen Inseln tagelang aufgetretenen Staubfalles gekennzeichnet durch den Be-
richt der Führung des Fünfmast-Schoners „Werner Vinnen“: „Unser Schiff sah
aus wie eine braune Zementfabrik“. In derartigen Fällen ist die Sichtverminde-
rung außerordentlich groß. Kapt. H. Piening, M. SS, „Pionier“, teilt beispiels-
weise mit, daß bei dem genannten Staubfall die Sicht an der Mole von Las
Palmas auf 350 m herabgesunken ist.
Das Verbreitungsgebiet der Staubfälle in den einzelnen Monaten und in
den Jahreszeiten ist aus den Skizzen der Tafel 30 zu ersehen. Die beigefügten
Zahlen entsprechen der in der Zusammenstellung auf Seite 273 mitgeteilten
prozentualen Häufigkeit der gemeldeten Fälle, Wenn auch die meisten Staub-
Fälle innerhalb der angedeuteten Grenzen liegen, so sind doch solche bekannt
geworden, deren Auftreten in erheblich größerer Entfernung vom Lande fest-
gestellt ist. Als diejenigen, welche den weitaus größten Abstand von der afrika-
nischen Küste besitzen, seien hier folgende Staubfälle erwähnt: 18. März 1888
in 22° N und 41° W4); 6. Februar 1908 in 17° N und 44° W; 9. Mai 1902 in
14° N und 45° W; 23. August 1904 in 13° N und 46° W. In den beiden letzten
Fällen hat die Küstenentfernung mehr als 1700 Seemeilen betragen.
Da die Sand- und Staubmassen dem afrikanischen Kontinent entstammen
and durch den Harmattan und Passat dem Meeresgebiet zugeführt werden, findet
die Form des Verbreitungsgebietes der Staubfälle ihre Erklärung durch einen
Blick auf die Karte der nordwest-afrikanischen Vegetationsgebiete (Abb. 2), Ohne
74.8.0. 5,74. — %) Wellen und Wirbel an einer quasistationären Grenzfläche über Europa,
Veröffentl. d. Geophysikal, Inst. d. Univ, Leipzig. Zweite Serie, 3. Bd., S. 79. — 3 Vgl. Jeutzsch,
2.20. 8. 374f. — 4) Staubfälle im Passatgebiete des Nordatlant. Ozeans, Ann, d. Hydr. 1891, S, 318.