Windberg, F.: Zur Geschichte der Unterems.
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Zur Geschichte der Unterems.
Von Friedrich Windberg, Bederkesa bei Bremerhaven.
(Hierzu Tafel 8 mit Karten 1 bis 3.)
Berichtigung zu Tafel 8. Karte 1: Westerbalje nicht 25, sondern 2,5 m Tiefe, — Karte 3: Nicht Huyben-, sondern Huybers Sant.
Die Ems trägt in ihrem Oberlauf bis an die ostfriesische Grenze bei Halte
die Charakterzüge eines Tieflandflusses; in ungezählten Windungen fließt sie
durch die diluviale Landschaft dahin (von den durch den Bau des Dortmund-
Ems-Kanals verursachten Änderungen können wir hier absehen). Nördlich der
ostfriesischen Grenze finden wir dieselben Windungen noch weiterhin. Neben
ihnen treten jedoch als Neuerscheinungen Durchbrüche auf, die die Bogen wie
Sehnen durchschneiden. (Weener, Mark, Jemgum u. a.) Wir wissen aus geschicht-
lichen Quellen, daß diese Durchbrüche gegen den Widerstand der Anwohner ent-
standen sind. Jahrhundertelang haben beide Flußarme, der Bogen sowohl wie
die Sehne, nebeneinander als Wasserführung gedient. Schließlich sind die Bogen
allmählich verlandet und dann durch künstliche Dämme vom Flusse abgeschlossen
worden. Der Fluß benutzte fortan bloß noch die ehemaligen Durchbrüche als Bett,
Bei Jemgum konnten die genauen Daten festgestellt werden (24) *). 1362 geschah
der Durchbruch und 1594 war die alte Schleife so weit verlandet, daß sie durch
Deiche geschlossen werden konnte. Eine Strecke flußabwärts ein weiteres Beispiel,
das wir bis in alle Einzelheiten verfolgen können. Vor Emden floß in einem
weiten nach Süden geöffneten Bogen die Ems dicht unter der Stadtmauer vor-
über (24, 16), Im Jahre 1362 begann die Flut von Westen her den Bogen zu
durchstoßen, und 1509 war der Durchbruch vollendet. Die Emder Bürgerschaft
hat lange mit ungeheurem Kraftaufwand versucht, das neue Fahrwasser, die
„Frische Ems“, durch eine Spundwand aus Eichenpfählen, das „Emder Höft“, ab-
zudämmen, Das neue Fahrwasser aber, die Sehne, die den Bogen durchstoßen
hatte, nahm bald sehr große Wassertiefe an, und Emden, das nun am toten Arm
lag, hatte fortan mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Das alte Bett
verlandete und wurde völlig unbefahrbar, Der Durchbruch war von W nach O
erfolgt, war also eindeutig ein Werk des Flutstroms.
Uns sind zwei Formen des Strombettes entgegengetreten: der Bogen und
die Sehne. Die Erscheinung des Bogens ist die häufigere: Es sind die Mäander-
windungen des Tieflandflusses, Der Vorgang, der zu ihrer Bildung führt, ist
zum Gegenstand vieler Untersuchungen geworden, man hat ihn in der freien
Natur wie in Versuchsanstalten beobachtet. Wenn die allerletzten Ursachen
seiner Entstehung auch nicht aufgedeckt sind, so ist die Abfolge der Vorgänge
bei Flußmäandern doch durchaus bekannt (12).
Für unsere Zwecke genügt der Hinweis auf wenige Erscheinungen. Vor-
aussetzung ist dabei immer, daß Untergrund und Wassermenge sich gleich
bleiben. Erstens schließt sich, wenn der Vorgang der Bogenbildung einmal
eingesetzt hat, immer Bogen an Bogen; der Vorgang duldet keine Unterbrechung.
Zweitens werden im Laufe der Zeit die Bogen immer mehr ausgearbeitet; am
Prallhang wird das Ufer angegriffen, während es am Gleithang anlandet.
Was die zweite Form, die Sehne betrifft, so haben wir festgestellt, daB sie
bei Emden dem Drängen des Flutstroms und nicht der Ebbe oder der Strömung
des Flusses, die sich in der Richtung ja mit der Ebbe deckt, ihre Entstehung verdankt,
Wir können weiter sehen, daß flußaufwärts die Mäanderbogen so weit unver-
letzt geblieben sind, wie die Gezeitenwirkung sich nicht bemerkbar macht, Von
der ostfriesischen Grenze, also von der Stelle an, bis zu der die Gezeitenwirkung
reicht, abwärts haben auch Mäanderbogen bestanden, sie haben sich auch viele
Jahrhunderte gehalten, sind schließlich aber doch durchbrochen worden.
In Emden sind die Begleitumstände am besten bekannt. Der Durchbruch
geschah trotz des Widerstandes der Anwohner, deren wirtschaftliche Existenz
bedroht wurde. Es gab für die Wasserführung kein Pendeln zwischen dem
alten und neuen Bett, sondern mit elementarer Gewalt wühlte sich das Wasser
den neuen geraden Weg. Wir müssen also eine Anderung in den Grundlagen
*) Diese und die folgenden Ziffern bezichen sich auf das Literaturverzeichnis am Schluß dieser Abhandlung.
Ann, d., Hydr. usw. 1933, Heilt 11