Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1933,
Wie dem aber auch sein mag, aus dem obigen Vergleich darf man wohl den
Schluß ziehen, daß man im Roten Meere und im Baikalsee, die wesentlich tiefer
sind als der Golf von Suez, die Reibung beiseite lassen darf, und daß also die
Unterschiede der wirklichen Gezeiten in diesen Gewässern gegen den erwarteten
Wert in der Tat nicht durch die Reibung, sondern durch die Erdgezeiten zu
erklären sind,
Eine andere Frage ist es, ob das hydrodynamisch so günstige Rote Meer
sich auch mit Hinsicht auf den Bau seines Untergrundes für die Bestimmung der
Erdgezeiten ebenso eignet, Aber die Auswahl an passenden Gewässern ist zur
Zeit nicht groß. Größere Randmeere mit erheblichen Mitschwingungsgezeiten
wird man vermeiden müssen, da diese die übrigen Vorgänge zu sehr verhüllen.
Unter den breiteren Beckenformen sind es nur die kreis- und halbkreisförmigen,
für die die Theorie weit genug entwickelt ist, um einen Vergleich mit den Be-
obachtungen zu lohnen; die letzteren untersuchte J. Proudman') im Hinblick
auf das Schwarze Meer, für das schon Sterneck (diese Zeitschrift 1926, S. 289
bis 296) zeigte, daß die beobachteten Amplituden hinter denen der hier wohl
kaum noch anwendbaren Kanaltheorie im allgemeinen zurückbleiben, s. d. S. 296;
auch hier hält Proudman, der die Eigenperiode des Schwarzen Meeres zu 4.4b
berechnet (Sterneck gab 5 an), die Hinzuziehung der Erdtiden für notwendig.
Abgesehen hiervon jedoch muß sich die Aufmerksamkeit wegen der größeren
Vervollkommnung der Theorie für schmale Kanäle auf die eigentlichen Binnen-
seen der Erde richten, zumal A. Endrös in dieser Zeitschrift dargetan hat
(1930, S. 305 bis 314), daß eine Beobachtung ihrer Gezeiten keineswegs ein aus-
sichtsloses Unternehmen ist.
Zur Erklärung der Seiches des Schwarzen Meeres.
Von A. Defant,.
Herr A, Endrös, München, hat im Heft XI, 1932 dieser Zeitschrift eine sehr
interessante Untersuchung über die Seiches des Schwarzen Meeres veröffentlicht,
in der er die von J. W. Kurtschatoff gewonnenen Mareogramme verschiedener
Küstenorte des Schwarzen Meeres genauer analysiert und aus ihnen das etwas
auffallende Ergebnis ableitet, daß neben mehreren kleineren Perioden verschiedene
größere Perioden von 7.4, 6.4 und 5.5 Stunden Schwingungsdauer vorhanden
sind. Die erste von 7.4 Dauer deutet er im wesentlichen als eine Schwingung
der Bucht von Odessa, die beiden anderen als Schwingungen der Wassermasse
des Schwarzen Meeres längs des tiefen Hauptbeckens einerseits gegen Südwesten
(Burgas 5.5), andererseits gegen die Mitte des Westufers (Constanza 6.4“). Die
von Endrös gegebene Erklärung, daß die Schwingungsrichtungen der drei
Hauptschwingungen, die im Ostteil des Meeres zusammenfallen, im Westteil ent-
sprechend der Konfiguration des Meeresbeckens nach drei verschiedenen Rich-
tungen verzweigen und dadurch verschieden lange Dauer erhalten, ist recht
plausibel, insbesondere nachdem solche Komplikationen an entsprechend gebauten
Seen einwandfrei nachgewiesen worden sind. Was mich veranlaßt, zur Arbeit
von Endrös noch etwas hinzuzufügen, ist einzig und allein ein Umstand, auf
den einmal hingewiesen werden muß. Wir pflegen die Seiches der Seen als ein-
lache Schaukelbewegungen ihrer Wassermassen in einer bestimmten Richtung
(meistens ist es die Längsrichtung) anzusehen und übertragen diese Betrachtungs-
weise von den kleinen Seen auf größere, schließlich auf ganze Meeresteile und
Mittelmeere, ohne zu bedenken, daß bei Zunahme des See-Areals immer mehr
und mehr die ablenkende Kraft der Erdrotation von Bedeutung wird. Die
Bahnen der Wasserteilchen sind dann nicht mehr einfach geradlinig, sondern
nehmen Ellipsenform an; die Schwingungsart der Seiches entspricht nicht mehr
der einfachen Schaukelbewegung, und auch die Schwingungsdauer erfährt Ver-
änderungen gegen den Fall ruhender Erde bzw. kleiner Seebecken. Ich glaube, daß
3 Proudman, J.: On the tides in a flat semicircular sea of uniform depth. — Monthly Not.
Roy. Astr. Soc., Geoph, Suppl., IT, Nr. 2, 1928, S. 32-—43, — Vgl. a. Ders.: A special case of tidal
motion in a semicireular basin, Ebenda, I, Nr. 7, 1926, S. 360— 371.