382 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November/Dezember 1933,
Die Entwicklung der seemännischen Mitarbeit am Seewartenwerk
. nach dem Kriege.
Von Erust Römer, Hamburg, Deutsche Seewarte.
Über die einzigartige Stellung, welche die Deutsche Seewarte und die ihr
verwandten ausländischen Einrichtungen unter den wissenschaftlichen Anstalten
einnehmen, über die Eigenart der Beziehungen zwischen der freiwilligen Mit-
arbeiterschaft und den Organen der Seewarte, gekennzeichnet durch ein gegen-«
seitiges Geben und Nehmen, ist so oft geschrieben worden, daß die Sachlage als
bekannt vorausgesetzt werden darf. 5
Der Weltkrieg mit seiner beinahe völligen Absperrung der deutschen Handels-
schiffe vom Seeverkehr traf das deutsche Seefahrertum am härtesten von allen
Völkern, Es war doch so, daß dadurch die berufsmäßige Entwicklung und
damit die Aufrechterhaltung und Pflege ständischer Überlieferung jäh unter-
brochen wurde, Dieser Gesichtspunkt ist hier wichtig; denn die vor dem Kriege
geleistete freiwillige Mitarbeit an den Seewarteaufgaben wurde als sittlich-
kulturelle und damit nationale Pflicht des deutschen Nautikerstandes betrachtet,
Nach Beendigung des Krieges galt es also, die zerrissenen Fäden wieder zu
knüpfen. Durch die Fortnahme unserer Handelsflotte wurde das, wie wir wissen,
zunächst unmöglich gemacht. (Für die Kriegsflotte trifft das in entsprechendem
Maße zu. Wir beschränken uns hier auf die Besprechung der Mitarbeit der
Handelsschiffe, weil die der Kriegsschiffe wegen der gewaltsam verkleinerten
Marine leider nahezu völlig ausfallen muß.)
Der Verlust unserer Handelsschiffe bedeutete zugleich den Zusammenbruch
des deutschen Nautikerstandes, Damit war auch die Körperschaft der Mitarbeiter
zur See aufgelöst. Die Deutsche Seewarte als Schiffahrtsanstalt und Forschungs-
stätte sah sich in ihrem Dasein bedroht, Der allmähliche Wiederaufbau der
Handelsschiffahrt, das Zurückgewinnen und Ausbauen der Linienfahrt erforderte
für die Reedereien zähen Kampf überall. Als die Seefahrt für den brotlos
gewesenen Nautiker wieder einzusetzen begann, war das Seewartenwerk zwar
nicht außerhalb seines Blickfeldes, aber doch durch die Wahrnahme des neuen
Dienstes zunächst verdeckt. Man muß den großen Reedereien Dank wissen, wenn
die Bemühungen der Deutschen Seewarte um Wiedergewinnung von Mitarbeitern
schon in den ersten Nachkriegsjahren von Erfolg begleitet waren,
Um den Entwicklungsgang des Mitarbeiter wesens nach dem Kriege beurteilen
zu können, muß man einen Blick werfen auf den
Stand des Beobachtungsmaterials vor dem Kriege,
In den Jahren 1913/14 waren an handschriftlichem Material eingegangen:
Meteorologische Schiffstagebücher, Deviationsjournale (und Berichte über Rund-
schwoiungen), Reise-Sonderberichte, ausgefüllte Kapitänsfragebogen, Sonstige
Berichte über Naturerscheinungen, Seefahrtkunde usw. Schließlich wurden
Flaschenposten ausgesetzt und Wasserproben des ozeanischen ÖOberflächenwassers
eingeliefert. Außerdem ist hier des Seefahrers literarische Tätigkeit zu er-
wähnen, die hin und wieder in Gestalt von Aufsätzen oder ausgearbeiteten Be-
richten in den Veröffentlichungen der Seewarte sich kundtat, Man muß mit der
Psychologie des Seemannes früherer Jahrzehnte bekannt sein, um zu wissen, daß
ihm jegliches öffentliches Hervortreten widerstrebte, Wenn er sich doch einmal zur
3chriftlichen Darstellung seiner Gedanken und Wahrnehmungen innerhalb seines
Berufsgebiets herbeiließ, so geschah es in der Meinung, damit wirklich zu nützen,
Das Mitarbeiterwerk um das Jahr 1932
sah materiell nun folgendermaßen aus.
Art des Beobachtung smaterials:
Schiffstagebücher:
Meteorologische Tagebücher,
Kleine Wetterbücher,
Fischdampfertagebücher.
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