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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 61 (1933)

Perlewitz P.: Meteorol. Horizontal-Navigation durch Vertikal-Navigation im Luftfahrzeug, usw. 363 
Es bleiben noch zwei Arten von Ballonfahrten zu erwähnen, bei denen die 
Vertikal-Navigation eine besonders wichtige Rolle spielt; das sind die Gebirgs- 
fahrten und die Küsten- oder Meeresfahrten. 
Ballonfahrten über Gebirge zeigen uns die unregelmäßigsten Luft- 
strömungen, nicht nur nahe dem Erdboden, sondern auch in größerer Höhe 
darüber. Der lokale Bodeneinfluß auf die Strömungen reicht weit hinauf, Oft 
bildet ein Höhenrücken eine Windscheide, Die Streichungsrichtung des Gebirges, 
die Höhe zur Umgebung, die Tageszeit und der Untergrund spielen eine so 
große Rolle, daß fast jede Fahrt besondere Verhältnisse im Strömungsbild zeigt, 
die auch von einigen Ballonfahrern!) bearbeitet worden sind. Ich selbst hatte 
zu Gebirgsfahrten wenig Gelegenheit und will mich daher an die Ergebnisse 
von Fickers halten, der von seinen Alpenballonfahrten (Abb. 9—12) u. a. schreibt: 
„Über die Einflußhöhe des Gebirges sind wir bei keiner Fahrt hinausgekommen“?), 
Es fehlt eben an Beobachtungsmaterial, um die Einflußhöhe besonders zu den 
verschiedenen Tageszeiten kennen zu lernen. 
Die Luftströmungen im Gebirge haben eine starke Vertikalkomponente®), 
Zu den aerostatischen Vertikalkräften, die in der Hand des Ballonführers liegen, 
kommen nicht nur die thermischen, sondern auch die dynamischen, durch die 
der Ballon, den Stromlinien folgend, mechanisch gehoben und gesenkt wird; 
hierbei verliert er zwar sofort sein aerostatisches Gleichgewicht, welches nun der 
dynamischen Höhenänderung entgegenwirkt, so daß diese verzögert wird. 
Trotzdem ist diese Höhenänderung oft so stark, daß die Führung des Ballons 
„etwas aufregend verläuft“*), 
Durch das Zusammenwirken der drei Kräfte ist aber auch die Feststellung, 
welche von ihnen die Ursache einer Vertikalbewegung ist, nicht immer leicht, 
obgleich es einfache Mittel (Papierschnitzel, Windrädchen) gibt, um zu ent- 
scheiden, ob das Fallen durch absteigenden Luftstrom verursacht ist oder nicht. 
Über ebenem Gelände bringt eine Vertikalbewegung des Ballons diesen in 
andere Stromlinien, im Gebirge braucht dies nicht der Fall zu sein, 
In Luv eines Berges wird der Ballon mit den Strömlinien gehoben, kommt 
allerdings dabei infolge der aerostatischen Gegenwirkung in etwas tiefere Strom- 
linien (Abb. 9), Nach dieser dynamischen Hebung bis zum Kamm, die zuletzt 
oft sehr stark ist, muß der Ballon sofort statisch und dynamisch steil abwärts 
sinken und, wenn nicht genügend Ballast rechtzeitig ausgeworfen ist. landen 
{Ort 3 in Abb. 9). 
Die bodennahen Luftströmungen werden naturgemäß durch die Berge und 
Täler in ihrer horizontalen Richtung erheblich abgelenkt; ferner werden sie in 
ihrer Stärke beeinflußt, so daß sie nach Richtung und Geschwindigkeit zur 
Navigation bei Ballonwettfahrten, besonders bei Fuchsjagden, hervorragend aus- 
genutzt werden können. Windstillen oder schwache Winde in Tälern und Kesseln 
{Abb. 10 und 12) bestehen oft gleichzeitig mit starken Winden über den Kämmen, 
wo sich die Stromlinien zusammendrängen (Abb. 9). Über die Winddrehung 
mit der Höhe sagt von Ficker, daß z. B. „im Föhn der untere Südostwind 
nach oben in Süd- und Südwestwind übergeht)“. 
Yon Ficker untersucht auf seinen Alpenballonfahrten, von denen wir hier 
einige Beispiele (13—16) über die Navigationsmöglichkeiten im Gebirge in den Abb. 9 
bis 12 gegeben haben, vornehmlich den Stromlinienverlauf und die Temperatur- 
schichtungen bei Föhn, Dieser Fallwind entsteht, wenn die ruhige, kalte Talluft 
abfließen kann, Dadurch werden die Stromlinien in Kammhöhe ins Tal gesenkt, 
1) Von Ficker, Jahresberichte des Vereins für Luftschiffahrt in Tirol, Innsbruck 1912 ‘und 
1913. — %) Tätigkeitsbericht d. Pr. Met, Inst. 1924, S. 37. — ?®) Bei einer Ballonfahrt am 6. 10. 1912 
ergab sich bei von Ficker: „im Mittel eine Vertikalgeschwindigkeit von 6.6 mp. Es ist kein Zweifel, 
daß sie zeitweise 10 mps überschritten hat“, wie unter ?), 5. 37. Bei Perlewitz ergab sich über 
der Ebene im aktiven Kumulus von 1400—2500 m 5 mps, vgl. Annalen der Hydr. 1926, S, 350. — 
*) Wie unter 2) S, 42, Ferner schreibt von Ficker ebenda S. 44 zur Fahrt (Abb. 11): „Die Banned 
wurde seitlich für einen Augenblick fast bis in Korbhöhe herabgerissen, ein Ereignis, durch das 
Tauwerk und Netzwerk des Ballons in bedenklichster Weise beansprucht wurden. Die Schwankungen 
des Ballons waren unvergleichlich unangenehmer als jene eines bei böigem Wind hochgehenden, ge- 
fesselten Kurgelballons.“ — %) Sitzungs-Ber. d. Wiener Akademie der Wiss, 1912, Bd. 121, 2a. 8. 867.
	        
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