Perlewitz, P.: Meteorol. Horizontal-Navigation durch Vertikal-Navigation im Luftfahrzeug, usw. 357
deren Änderung mit der Höhe stets eine Rolle spielen, sie darf nie unberück-
sichtigt bleiben. Für den Freiballon ist die Höhenänderung das einzige Steuerrad,
wie sie das Hilfssteuerrad des Motorluftfahrzeugs ist.
Eine Bedeutung kann diese Vertikal-Navigation mit dem Luftfahrzeug natür-
lich nur dann haben, wenn tatsächlich die Windverhältnisse in den ver-
schiedenen Höhen voneinander abweichen. Daß dies der Fall und sogar
Regel ist, haben uns die überraschenden Forschungsergebnisse der Luftkunde
(Aerologie) seit Aßmann, Berson und Süring!) für Deutschland und die
anderer Forscher für fremde Länder und für die Meere gezeigt. Für letztere
hat die Deutsche Seewarte als weitblickendes Weltverkehrs-Institut seit 1906
systematische Beobachtungen mit Pilotballonen auf deutschen Han-
delsdampfern®) und auf Schulschiffen im Atlantik und im Stillen Ozean im
Hinblick auf spätere Verwertung im Luftverkehr angestellt.
Über diese Windbeobachtungen durch Köppen und später Perlewitz
schreibt 1914 A. Peppler?): „Im Gebiet des Nordostpassats wurde eine sehr
rasche Abnahme der Stetigkeit der Windrichtungen gefunden und erst in der
Höhe von 7-—9 km eine größere Beständigkeit, — Allgemein ergab sich, daß die
Atmosphäre in den Passatgebieten von unten bis 10 km äquatorwärts gerichtete
Bewegung besitzt, unten mit östlicher, oben mit westlicher Komponente, —
Bis rund 1 km Höhe sind die Subtropen windschwächer als die Passatgebiete,
darüber kehren sich die Verhältnisse um. — Die mittlere Höhe der Pilotaufstiege
betrug 4.8 km, ein sehr günstiges Resultat“.
Nach dem Weltkrieg wurden diese Höhenwindbeobachtungen über dem
Ozean von der Seewarte in Verbindung mit den neuen, mehr Beobachtungsmaterial
verlangenden Luftverkehrs- und den Schiffahrtsgesellschaften (Rumpler, Junkers,
Hamburg Amerika-Linie und Norddeutscher Lloyd) fortgesetzt, technisch-
instrumentell verbessert und zunächst von 1922 an*) auf einzelnen Überfahrten
nach Nord- und Süd-Amerika, dann von 1928 an regelmäßig auf zunächst 6,
später mehr Dampfern durchgeführt, die diese Pilotbeobachtungen in ihr täg-
liches Beobachtungs- und Funk-Wettermeldeprogramm aufnahmen.
Die Ergebnisse dieser Forschungsfahrten*) und der Fahrt des „Meteor“,
noch nicht erschienen, lieferten naturgemäß weitere Einzelergebnisse. Das
Hauptergebnis aber all der aerologischen Windbeobachtungen über Land und
Meer war die Erkenntnis, daß die Windrichtung und -stärke in den verschiedenen
Höhen in der Regel verschieden ist; gleiche Winde, schon bis 1 km Höhe, finden wir
nur selten. Diese Tatsachen bilden die Grundlage und zugleich die einzige Mög-
lichkeit einer meteorologischen Vertikal-Navigation°) im Luftfahrzeug.
Es sei kurz darauf hingewiesen, daß der Wind über Land wie über Meer mit der
Höhe zunächst an Stärke zunimmt. Wie groß diese Zunahme ist und bis zu
welcher Höhe sie reicht, hängt ganz von Wetterlage und Ort ab sowie davon,
ob am Boden Nord-, Ost-, Süd- oder Westwind weht. Wie die Windstärke, so
ändert sich auch die Windrichtung mit der Höhe; die Winddrehung geht
dicht über dem Boden in Nordbreiten meist nach rechts, höher hinauf kann sie
sehr verschieden sein. Mit Rechtsdrehung finden wir meist (nicht immer) Wind-
zunahme. All dies schnellstens zu erkennen und auszunutzen, ist Hauptaufgabe
des Luftfahrzeugführers, der für die Navigation verantwortlich ist. Dabei sind
gründliche Kenntnisse und Erkenntnisse der lokalen Bodenwinde, ihrer Entstehung
und Höhenerstreckung, der Berg- und Talwinde, der Land- und Seewinde usw.,
wie wir nunmehr an Beispielen ausführlich beweisen wollen, nötig und nützlich.
Die richtige Führung eines Freiballons, d.h. die richtige meteorologische
Vertikal-Navigation, kommt am besten bei Zielfahrten zur Geltung. Eigent-
lich ist jede Ballonfahrt eine Zielfahrt, wenn auch mitunter mit fortwährend
1) Wissenschaftliche Luftfahrten, Braunschweig 1899. — *°) Aufstiege von Pilotballons auf
deutschen Handelsschiffen in den Jahren 1906-—IJ1. Annalen der Hydr. 1910, S. 201 und 1912,
8. 454. (Köppen - Perlewitz.) — %) Petermanns Mitt. 1914, S. 295-—296. — *) Aus dem Archiv
der Deutschen Seewarte von 1922, an Bd, 40,4; 41,4; 42,2; 43,3; 45,3; 46,2; 48,3, 4; 49,1, 3, 4; 50,1;
51,1, 2, 3, 5: 52,3. — *) Vgl. Luftfahrt, 1924, S. 295.