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Full text: 61, 1933

356 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November/Dezember 1933. 
kommen, So eignet sich der Ballon hervorragend dazu, die jeweils vorhandenen 
Luftströme festzustellen?). 
Darüber hinaus kann das Treiben des Ballons mit dem Luftstrom auch 
von dem Standpunkt aus betrachtet werden, daß man damit die Möglichkeit 
besitzt, diese horizontale Fortbewegung zu Beförderungszwecken zu verwenden 
and auszunutzen, wie es z. B. im Jahr 1870/71 aus der belagerten Festung Paris 
geschah. Naturgemäß ist man hierbei auf die vorhandenen Ströme angewiesen; 
denn horizontal 1äßt sich der Ballon nicht aus dem Luftstrom herausbringen, 
nicht steuern, es sei denn, daß man andere Mittel anwendet, nämlich das Auf- 
suchen einer anderen Höhe, in der der Luftstrom eine andere Richtung hat. 
Diese Höhenänderung ist im Ballon sehr einfach und jederzeit durchzuführen, 
sei es durch Ausnutzung der Temperaturänderung des Ballongases (durch die 
natürlichen Kräfte der Sonneneinstrahlung und der kühlenden Ausstrahlung), sei 
gs durch aerostatische Gleichgewichtsstörung, imdem man den Ballon durch Ballast- 
abgabe erleichtert und zum Steigen oder durch Gasauslassen zum Sinken bringt. 
Diese Art der Vertikal-Navigation gestattet, die in den verschiedenen Höhen 
vorhandenen Horizontalströmungen auszunutzen, 
Vorbedingung für eine derartige erfolgreiche Höhen-Navigation ist, daß die 
Lufiströme in den verschiedenen erreichbaren Höhen verschiedene Richtung oder 
Stärke haben. 
Die Kunst der meteorologischen Navigation besteht also darin, die fort- 
währenden meteorologischen Veränderungen und Strömungen im Luftmeer zu 
überwachen und die Höhe desjenigen Luftstroms ausfindig zu machen, der den 
Absichten des Führers in bezug auf Fahrzeit und -ziel am besten entspricht 
oder — bei widrigen Winden — am wenigsten entgegenwirkt, um dann unver- 
züglich das Luftfahrzeug in die Höhe dieses günstigsten Horizontalluftstroms zu 
bringen. Auf die meteorologische Horizontal- Navigation nach der Luftdrucklage, 
wie sie für Luftfahrzeuge von Gemmingen zuerst für den Ozean erörtert hat“), 
will ich in dieser Arbeit nicht eingehen, 
Der Führer eines Freiballons lernt die me teorologische Horizontal-Navigation 
durch Vertikal-Navigation am besten auf Wettfahrten, Auf einer ziellosen Sport- 
fahrt über Land hat er es kaum nötig, darauf zu achten, 
Der Führer eines Luftfahrzeugs, das mit Eigenkraft arbeitet, also Betriebs- 
stoff verbraucht, muß aus wirtschaftlichen Gründen bei jeder Fahrt auf diese 
meteorologischen Verhältnisse und ihre Ausmutzung größten Wert legen. Denn 
auch Luftschiff und Flugzeug werden genau so schnell vom Lauftstrom mit- 
genommen wie der Freiballon, einerlei, ob Motore da sind oder nicht. Arbeiten 
diese, so kommt zur Kraft des Luftstroms noch die Zusatzkraft der Motore 
hinzu, die meist größer ist als die natürliche Luftstromkraft, die der Motor- 
luftfahrer und Flieger „Abtrift“ nennt. Bei Sturm kann diese Abtriftkraft die 
Motorenkraft erreichen oder übertreffen; das Fahrzeug wird dann eine Zeitlang 
beidrehen, wie es in solchem Fall auch in der Schiffahrt geschieht, Ausschalten 
oder abschwächen läßt sich die Abtrift nicht. Das Fahrzeug bewegt sich in der 
Resultante beider stets gleichzeitig wirkender- Kräfte, Die Abtriftgeschwindigkeit 
ist wechselnd, sie muß dauernd vom Führer neu bestimmt und bei der Navigation, 
dem Kurswinkel, berücksichtigt werden; auch bei Wettflügen ist sie ein Faktor 
ersten Ranges, 
Man kann die beiden Geschwindigkeiten, die das Luftfahrzeug einerseits 
durch den Motor, andrerseits durch den Wind erhält, auch die „künstliche“ und 
die „natürliche Geschwindigkeit“ nennerı, Es ist klar, daß schwache und 
mäßige Winde bei starken Motoren, die heut dem Flugzeug eine künstliche Ge- 
schwindigkeit bis zu 582 km in der Stunde gzeben, eine so untergeordnete Rolle 
spielen, daß sie in der Regel — außer in Wettbewerben, wo es auf Minuten an- 
kommt — vernachlässigt werden können. Bei schwächeren Maschinen, die vor 
allen wirtschaftlich arbeiten sollen, wird «lie natürliche Geschwindigkeit und 
1) Erforschung der Luftströmungen durch die Flugzbahnen der Freiballone, Das Wetter, 1914, 
Heft 5. — 2 In "Das Zeppelinschiff zur See 1914“, Meereskunde, Sammlg. usw. Inst, £, Mecreskunde 
Berlin, VIII, 1914, H. 6, 8. 23 u. ff,
	        
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