306 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1933.
zungen für Nebelbildung und Taubildung auf bewachsenem Gelände in ihren
Feinheiten noch nicht bekannt. Es ist noch nicht entschieden, welchen Einfluß
auf die Nebelbildung einerseits die Massenaustausch- und andererseits die Strah-
jungsvorgänge haben.
Die Lösung der Frage der Nebelentstehung durch exakte physikalische
Untersuchungen und Überlegungen ist unerläßlich für eine weitergehende Förderung
jer Nebelvorhersage. Diese ist bislang im wesentlichen nur auf Erfahrungs-
jatsachen synoptischer Untersuchungen angewiesen. Wären die bei der Nebel.
entstehung wirksamen physikalischen Vorgänge quantitativ bekannt, so könnte
die Nebelvorhersage verfeinert werden. Es wäre dann möglich, auf Grund der
Kenntnis örtlicher Verhältnisse mit großer Sicherheit die Nebelentstehung vor-
auszusagen.
In dieser Arbeit soll nicht diejenige Entstehung von „Nebel“ besprochen werden,
die durch Mischung an der Grenzfläche zweier gesättigt-feuchter Luftmassen
verschiedener Temperatur hervorgerufen wird?!), sondern nur die Nebelentstehung,
die unmittelbar an die Erdboden- oder Wasseroberfläche gebunden ist. Wie
bekannt ist, setzt diese Art der Nebelentstehung, die eigentlich nur allein Anrecht
auf die Bezeichnung hat, Temperaturunterschiede zwischen Unterlage und Luft
voraus. Die Temperaturunterschiede werden entweder durch Abkühlung oder
Erwärmung des Bodens infolge Aus- oder Einstrahlung verursacht oder durch
Transport einer Luftmasse über eine Unterlage von anderer Temperatur (Ad-
vektion), Es erübrigt sich, hier auf die einzelnen Nebelarten einzugehen; diese
werden eingehend von Willett?) beschrieben, Ganz allgemein soll im folgenden
untersucht werden, welche Möglichkeiten der Nebelbildung in einer gesättigt-
leuchten Luftmasse bestehen, die sich über kälterer oder wärmerer Unterlage
befindet,
Die Luft nimmt infolge des Massenaustausches („Scheinleitung‘“)® und der
langwelligen Strahlung allmählich die Temperatur der Unterlage an. Grund-
sätzlich sind beide Vorgänge für die Nebelentstehung von Bedeutung. Jedoch
soll im folgenden der Einfluß der langwelligen Strahlung außer acht gelassen
werden, nicht weil er von vornherein unwesentlich erscheint, sondern weil die
bisherigen Ergebnisse der experimentellen und theoretischen Untersuchungen
über die Strahlungseigenschaften der Luft‘) noch nicht dazu ausreichen, ihn im
Rahmen dieser Arbeit abschätzen zu können, Auch ermöglichen es die bisherigen
Kenntnisse vom Massenaustausch noch nicht, dessen Einfluß auf die Nebelbildung
quantitativ mit dem Einfluß der langwelligen Strahlung zu vergleichen®), Aus
den Ergebnissen, die im folgenden für den Einfluß des Massenaustausches auf die
Nebelbildung gewonnen werden, wird auf Grund von Beobachtungstatsachen
ein Rückschluß auf den Einfluß der langwelligen Strahlung möglich sein.
Wenn sich eine feuchte Luftmasse über einer feuchten Unterlage von
anderer Temperatur befindet, so verlaufen immer zwei Vorgänge gleichzeitig,
nämlich Wärmeübergang von der Luft zur Unterlage oder umgekehrt und Konden-
sation oder Verdunstung an der Unterlage, Wenn die Luft wärmer ist als die
Unterlage, so geht infolge des Austausches Wärme von der Luft zur Unterlage
über und gleichzeitig wird Wasserdampf zur Unterlage transportiert und dort
kondensiert, vorausgesetzt, daß der in der Luft herrschende Wasserdampfdruck
höher ist als der Sättigungsdampfdruck bei der Oberflächentemperatur der
Unterlage; das für den Wasserdampftransport in der Richtung Luft —> Unterlage
nötige Konzentrationsgefälle besteht hierbei immer, wenn die Luft gesättigt oder
entsprechend dem vorgegebenen Temperaturunterschiede angenähert gesättigt ist.
Wenn die Unterlage wärmer ist als die Luft, so tritt gleichzeitig mit dem
Wärmeübergang in der Richtung Unterlage — Luft in der gleichen Richtung
') Damit hat sich H. Elias befaßt; Ergebn, Aeron, Obs, Berlin, Jahrg. 1901—1902, S. 1. —
HH. CC, Willett, Monthly Weather Review 56 (1929), 435; 8. auch die Besprechung von F. Albrecht,
Met. Zschr. 47 (1930), S. 240. — ?%) Nach W. Schmidt, Der Massenaustausch in freier Luft uod
verwandte Erscheinungen, Hamburg 1925. — *)G. Falckenberg und E, Stöcker, Beitr. z. Phys. d. fr,
At, 13 (1927), S. 246; F, Albrecht, Gerl, Beitr, z., Geophys. 25 da 8.1; G. Falckenberg, Met,
Zschr. 48 (1931), S. 135. — *% Über gleichzeitige Messungen von Massenaustausch und Strahlung
berichten G. Falckenberg, Met. Zschr, 49 (1932), S, 369, und Fr. Krügler, ebenda 8. 372.