266 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August/September 1933,
Man gebraucht den Ausdruck „Schatten“ dann auch in übertragenem Sinne, in Zusammen-
setzungen wie Stromschatten, Windschatten (Lee), Regenschatten, Diesen Ausdrücken liegt immer
die in Abb, 1 skizzierte Vorstellung zugrunde, wo O in dem bewegten Medium S das hindernde
Objekt ist, das den Schatten Sch in die Bewegungsrichtung wirft. Wie sich dabei das bewegte
Medium an der Stirnseite des Objekts verhält und wie es die „Umgehung“ ausführt, ist natürlich
zerschieden, je nachdem, ob es sich um Lichtstrahlen, Wind, Wasserströmung usw, handelt. An-
yemerkt sei nur, daß gewöhnlich unter „Regenschatten‘‘ nicht im strengen Sinne der Schatten ver-
standen wird, den etwa ein belaubter Baum im fallenden Regen wirft; man spricht vielmehr vom
Regenschatten eines Gebirges, einer Insel und versteht darunter den „Schatten“ des wandernden
Kondensationsvorganges, des Regenausfalls, der sich in den Regenmengen am Boden abzeichnet,
Auch die konträren Seitenbezeichnungen Luv und Lee sollte man nur an-
wenden, wenn ein irgendwie umströmtes Hindernis vorliegt. Ein Haus, vom
Winde angeblasen, hat Luv- und Leeseite; der menschliche Atem vermag ihm
keine zu erteilen. Kin Damm, der eine auf ihn zukommende Wasserströmung
restlos abfängt, staut und zur Ruhe bringt, hat weder Luv- noch Leeseite. Auch
sinem Gebirgszug, der eine anrückende Luftmasse lediglich aufstaut, sollte man
von hier aus keine Luvseite zubilligen, wenn nicht eine Um- oder Überströmung
der Gebirgskette stattfindet. Eine Inzel, in die nur der Seewind einströmt, hat
streng genommen ebensowenig eine (in dem Fall geschlossene) Luvseite, wie ein
Inlandeis, von dem die Luft allseitig abfließt, eine Leeseite hat; ihren Saumgebieten
mag man, da sie nur einseitig — als Küste oder Eisrand — scharf begrenzt sind,
sinseitig Lurv ohne Lee oder umgekehrt zusprechen. Auf Hohlformen wie Täler
die Ausdrücke Luv- und Leeseite anzuwenden, würde nicht der Definition gemäß
sein und zu Widersprüchen führen, da jede Talseite immer auch (entgegengesetzte)
Seite einer Bodenerhebung ist: Und nur dieser kommt Lur oder Lee zu.
Es bleibt natürlich dem Sprachgebrauch unbenommen, von
dem in dieser Weise festgelegten Seitenbegriff zur Richtungs-
bezeichnung überzugehen, wie das etwa auch mit dem Korrelat
„rechts-links“ geübt wird. Nur ist dabei zu beachten, daß man bei diesem Über-
gang von der adjektivischen zur adverbialen Anwendungsform kommt, in
der Aussage also das Wörtchen „ist“ tunlichst vermeidet. Keinesfalls darf man
ron dieser, aus einer Seitenfeststellung abgeleiteten, Luv- und Leerichtung aus
die entsprechenden Seitenbezeichnungen abermals einem Objekt erteilen und
als Bestimmungen vor ein Grundwort setzen (Leeseite, Luvhang, Luvküste usw.).
Denn definitionsgemäß ist die Luv- und Leeseite eines Objekts durch die Wind-
richtung an ihm selbst gegeben, nicht durch die von einem zweiten Objekt
aus vorbestimmte Luv- und Lee-Richtung. ;
Niemand würde ja auch von den adverbialen Richtungsbezeichnungen oder richtungsbestimmten
Ortsbezeichnungen „rechts, links“ (nach rechts, rechter Hand, rechterseits usw.) aus dazu übergehen,
den in diesen Richtungen befindlichen Individuen entsprechende Seiten zuzuteilen: Sonst sähe eine
Person zu ihrer Rechten nur die rechten Seiten anderer Personen, .
Im wesentlichen ist es wohl diese logisch unzulässige Vermengung der beiden
Anwendungsarten von Luv und Lee, als Seiten- und Richtungsbezeichnung,
welche die von Castens zitierten Widersprüche hervorruft; der dort wieder-
gegebene Klärungsversuch von Wasmund ist insonderheit geeignet, die Ver-
wirrung zu vergrößern durch den Satz: „Der See muß das Objekt sein, von
dessen Lage aus die Termini gebraucht werden‘ und durch die daraus gewonnene
Folgerung: „Luvküste ist die Küste, wo Wind und Oberstrom das Land verlassen
und wo der Rückstrom auftaucht.“
G. Schott hat sich bereits 1891 beiläufig über den besonders in der Ozeanograpbie aufge-
kommenen Wirrwarr in der Anwendung der Begriffe Luv und Lee geäußert!), In den betreffenden
Ausführungen ist, wenn auch in etwas anderer Form als hier, eine ganz klare Lösung der Frage
gegeben worden. So bemerkt Schott u. a., daß für die vom Schiffe aus in Lee gelegene Küste
nicht Leeküste, sondern „leewärts gelegene Küste“ („Leegerwall“) korrekt wäre. In diesem Beispiel
zeigt das Adverb „leewärts‘‘, was oben über die Anwendung der Begriffe bei Richtungsbezeichnungen
gesagt wurde, und auch der seemännische Ausdruck „Leegerwall‘“ (wohl zusammengezogen aus „‚Jee-
wärts gelegener, leeseitiger, »leeiger« Wall“) deutet in dieselbe Richtung.
Wenn Schott am erwähnten Ort weiter sagt, daß für den wissenschaftlichen Gebrauch der
Worte Luvküste und Leeküste allein zu fragen ist: „Wie liegt die betreffende Küste zum
Wind?“, 80 versteht man nicht recht, wie danach Wasmund neuerdings auf seine abwegigen Fest-
legungen kommen kann,
Daß gerade bei den speziellen Zusammensetzungen „Luvküste“ und „Lee-
küste“ Verwirrung auch im wissenschaftlichen Gebrauch entstanden ist, rührt
Sn N Gerhard Schott, Oberflächen-Temperaturen und Strömungen der Ostasiatischen Gewässer, Arch,
a. D. 85. XIV, 1891, Nr. 3, S. 13—14,