Jensen, Chr.: Strahlungsmessungen auf Amrum im August und September 1929. 207
Es soll jetzt kurz auf die als Neutrallinien bezeichneten Polarisationsisoklinen
eingegangen werden!). Es handelt sich also um die Verbindung derjenigen
Himmelsstellen links und rechts vom Sonnenvertikal, deren Polarisationsebene
um 45° gegen die Vertikale beziehungsweise gegen die nach der Sonne gezogenen
Radienvektoren geneigt ist, und dessen zwischen dem Aragoschen und dem
Babinetschen Punkt verlaufender Teil nach Busch (Meteorol. Zeitschr. 1889,
S.81—95) als Buschsche Lemniskate bezeichnet wird. Daß allerdings bei größeren
Sonnenhöhen von einer lemniskatenähnlichen Gestalt nicht mehr die Rede sein
kann, wurde zuerst von R. Mentzel gezeigt, welcher z, B. fand, daß bei Sonnen-
höhen von über 40° die Äste der einen Seite in die gegenüberliegenden Qua-
dranten überklappen. Die Abbildungen 6, 7 und 8 zeigen die Horizontalpro-
jektionen der am 17. 9, p bei 6.6°%°, am 30. 8. p bei 12.8° und 27. 8. a bei 44.5°
mittlerer Chöhe bestimmten Neutrallinien. Das G und das S bei den Abbildungen
bedeutet die Gegensonne bzw. die Sonne, und die Bezeichnungen G.Z, 6.r., S.E. und
S. r. bezeichnen die linke bzw. rechte Gegensonnen und ebenso die linke bzw. rechte
Sonnenseite. Von Dorno, der auch diese Kurven bei den verschiedensten
Ohöhen verfolgte, wurde in eingehendster Weise der Einfluß der wechselnden
Helligkeit des Terrains (ob schneebedeckt, oder nicht) untersucht. Bemerkens-
wert ist eine gewisse, sich auch hier zeigende -— wie, z, B. die Ausplanimetrierung
der am 11. 9.p, 12. 9.p, 17. 9.p und 18. 9.p bei h = 10.0°, 7.0°, 6.6° und 8.3°
deutlichst ergab — Asymmetrie der Kurven, so gedacht, daß nicht etwa die
zu beiden Seiten der Sonne bzw. der Gegensonne liegenden Äste einander ent-
sprechen, sondern vielmehr die einander schräg gegenüberliegenden Quadranten
angehörigen. Eine analoge Asymmetrie fand zuerst Süring für die neutralen
Punkte. Als Ursache für die Asymmetrie kommt sicher vielfach die nach ver-
schiedenen Seiten hin verschiedene Terrainbeschaffenheit (Helligkeit) in Frage;
möglicherweise haben wir es aber außerdem mit einer tieferen Ursache zu tun.
Auf alle Fälle wird es zweckmäßig sein, zwecks Ausschaltung vorhin genannten
Faktors für weitere Untersuchungen nach allen Seiten möglichst homogene ebene
Flächen (die See usw.) zu wählen,
Dorno zeigte als erster die hohe Bedeutung der Größe der von den Lem-
niskaten umschlossenen Fläche für die Beurteilung des atmosphärischen Rein-
heitsgrades, So fand er für die Sonnenseite, daß in Bremen im Jahre 1912 der
Flächeninhalt (in flächentreuer Projektion gemessen) um volle 7,5%, kleiner war
als zu normalen Zeiten, was nur so aufgefaßt werden konnte, daß die Region
negativer Polarisation infolge der Helligkeit der das Licht stark diffundierenden
stauberfüllten Atmosphäre bedeutend ausgedehnter war als bei reiner Atmo-
sphäre, Es erscheint wichtig genug, diese Untersuchungen weiter fortzusetzen und sie
auch auf die den größeren Sonnenhöhen entsprechenden Neutrallinien auszudehnen.
Ein kleiner Anfang damit soll hier gemacht werden, Es ist nun zu bedenken,
daß die Bestimmung der vollen Neutrallinien verhältnismäßig viel Zeit in Anspruch
nimmt, so daß einmal dem Messungsbeginn eine andere Sonnenhöhe entspricht
als dem Ende, und daß man außerdem Gefahr läuft, daß unter Umständen in
der Zwischenzeit Änderungen des atmosphärischen Reinheitsgrades eingetreten
sind. So kam ich auf den Gedanken, auch die Größe der bis zu verschiedenen
Zenitdistanzen reichenden Teilflächen auszuplanimetrieren, in der Hoffnung, daß
sich vielleicht späterhin schon aus der binnen verhältnismäßig kurzer Zeit ge-
wonnenen Teilfläche wichtige Schlüsse auf die atmosphärischen Transparenz-
verhältnisse werden gewinnen lassen. Die Verfolgung der verschiedenen Sonnen-
höhen entsprechenden und vom Zenit aus bis zu verschiedenen Zenitdistanzen
(der jeweilig in Frage kommenden Himmelsstelle) reichenden, von den Neutral-
linien und den Höhenkreisen umschlossenen Flächen scheint auch wichtig für die
Erkenntnis der Entstehung der Neutrallinien werden zu können,
Die Abbildungen 9 (Sonnenseite) und 10 (Gegensonnenseite) zeigen das Er-
gebnis meiner Berechnungen. Die durch die Beobachtungspunkte gelegten Kurven
1) Zwecks kurzer Orientierung über die atmosphär. Polarisationsphänomene siehe Chr. Jensen
m Asche „Hitmelsstrahlung‘‘ im Handb. der Physik, herausgegeben von Geiger und Scheel,