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Full text: 61, 1933

Perlewitz, P.: Wissenschaftliche Beobachtungen auf einer Freiballonfahrt über die Ostsee, 145 
Will man Gas und Ballast sparen, so wird eine Extrapolation der beobach- 
teten Abweichung nach höheren und tieferen Schichten hin in gewissen Grenzen 
und nach den meteorologischen Erfahrungen des Führers erlaubt und von Vor- 
teil sein; doch ist solche Extrapolation immerhin mit Vorsicht anzuwenden, da 
man Windsprünge und -umkehrungen nicht kennt, was für die noch nicht durch- 
stoßenen Schichten oberhalb des Ballons und für zeitliche Anderungen auch 
unterhalb des Ballons besonders zu beachten ist. 
Leider gestattet die Hängepilotmethode keine absoluten Messungen der Ab- 
weichungen, auch nicht annähernd, weder in bezug auf die Richtung, aus der 
Größe des Winkels der Seitenabweichung, noch in bezug auf die Geschwindigkeit, 
aus der Stärke des Vortriebs oder Nachbleibens, da allzu viele Faktoren mit- 
sprechen: Absolute Windgeschwindigkeit, etwa vorhandener Auf- und Abwind, 
Höhe, Luftwiderstand und Gewicht des Piloten und Fadens usw. In relativer 
Hinsicht ist diese Methode dagegen sehr fein, so daß man sich in der Größen- 
ordnung der Abweichung anfangs meist erheblich irrt, indem man diese gewaltig 
überschätzt. Eine wahre Windrichtungsabweichung zwischen beiden Höhen von 
nur 1° muß sich durch eine Abtrift von 90° zur Seite (bei gleicher Geschwin- 
digkeit) bemerkbar machen. Wir sehen daraus zugleich, wie fein die Methode 
relativ ist. Auch ich mußte diese Erfahrung der Überschätzung zuerst machen. 
Es wird aber außerordentlich schwer sein, diese Methode quantitativ auszuwerten; 
dies bedarf noch genauerer Untersuchungen; vielleicht kann man z.B, durch 
Herablassen mehrerer, verschieden schwerer und gleich großer Ballone darin 
weiterkommen., 
Für die praktische Ballonführung ist glücklicherweise die Kenntnis des 
relativen Windunterschiedes meist wichtiger als das absolute Maß der Abweichung, 
und darum ist diese Methode, zumal sie ganz einfach ist, so wichtig und geradezu 
unentbehrlich für die Navigationsmöglichkeit im Freiballon, die so 
überaus beschränkt und allein auf Ausnutzung der Windänderung mit der Höhe 
angewiesen ist, Das Steuer des Freiballons ist die Höhenänderung. Darum muß 
die Feststellung der Windabweichungen nach der Höhe hier die erste Aufgabe 
sein. Bei jeder Ziel-, Wett- oder Küstenfahrt kommt es schon auf die aller- 
geringste Seitenlenkung des Ballons an. Mit unserm einfachen Hängepilot 
(ohne Gas) stellt der Führer fest, ob er 100 m unter sich Rechts- oder Links- 
dreh hat, und kann so die verschiedensten Höhen abtasten und danach handeln, 
Der Führer macht auch auf diese Weise mikrometeorologische Luft- 
strömungsuntersuchungen feinster Art, die für die Meteorologie nutzbringend 
auszuwerten sind; aus der allgemeinen Wetterlage sieht man von diesen Fein- 
heiten nichts, 
Auf einer Fahrt mit praktischen Zielen sucht sich der Führer diejenige 
Schicht aus, die ihn am weitesten nach rechts oder links oder in eine mittlere 
Fahrrichtung bringt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, um einem Tiefdruck- 
gebiet oder Hoch näher zu kommen, um in stärkere oder schwächere Winde zu 
gelangen (Gordon-Bennett-Wettfahrt) usw. 
Die Richtung, nach der der 100 m unter dem Ballon befindliche Pilot aus- 
schlägt, ist möglichst nach jedem Höhenwechsel zu messen und zu notieren, und 
zwar gleichzeitig mit der Fahrrichtung. 
Beide Richtungen, Fahrrichtung und Pilotausschlag, mißt man mit dem 
Ballonkompaß (Prismenpeilkompaß)!). Mit ihm kann man auch gleichzeitig den 
Tiefenwinkel des Piloten, am Höhenkreis des Drehprismas, ablesen, Man erhält 
damit die Stärke des Ausschlags des Piloten nach der betreffenden Richtung, 
Die Interpretation dieses Tiefenwinkels nach der qualitativen Seite der Wind- 
abweichung ist mit Vorsicht vorzunehmen, kann aber Vorteile bringen, 
IV. Verschiedenes, 
a) Die bakteriologischen Beobachtungen, die teils halb-, teils ganzstündig 
während der Fahrt gemacht wurden, werden an anderer Stelle veröffentlicht 
werden. Sie bestanden darin, daß präparierte Gelatineplatten in runden Bilech- 
1) Vgl. Ann. d. Hydr. 1933, S. 481—483: Perlewitz, Ein Luftfahrpeilkompaß (Ballonkompaß).
	        
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