Perlewitz, P.: Wissenschaftliche Beobachtungen auf einer Freiballonfahrt über die Ostsee, 143
mit W 6 (40 km/Std) über die Inseln in 600 m Höhe dahin, Hinter Bornholm
and dem kleinen Eiland Christiansö, das wir etwas nördlich in 600 m
Höhe um 6.40 Uhr passierten, zog uns die Tagesstrahlung sowie die ab und
zu durchkommende Sonnenstrahlung höher und höher und bräunte zugleich
ansere Haut. Der Himmel war zum größten Teil bedeckt, doch die Stratus-
and Kumulusdecke war nicht geschlossen, sie war etwa 300 m dick. Wir fuhren
später öfter über Wolken in 1500 bis 1800 m, wo die Temperatur 8° betrug.
Aus den leider nicht sehr genauen Kursmessungen nach den schwach sichtbaren
Wellenköpfen der Meereswogen stellten wir fest, daß über 1300 m Höhe der
Wind Westnordwest bis Nordwest war. In Wirklichkeit ist er wohl nur West-
nordwest gewesen; die Peilung nach wandernden Schaumköpfen ist leider zu
ungenau,
Von 9.30 Uhr an versuchten wir die pommersche Küste zu erspähen; ein-
mal schien es mir so (Lebasee?), doch konnten wir keine Gewißheit bekommen,
Wolkengebilde täuschten. Auch schien es später um 11.00 Uhr meinem Begleiter,
daß im Westen Dünen (Rixhoft?) lägen, die in Wirklichkeit auch nur Wolken-
zebilde waren; denn Windrichtung und -geschwindigkeit konnten nicht so wechseln,
daß wir in die Danziger Bucht hineingekommen waren, Kompaßstörungen kamen
nicht in Frage. So mußten wir uns mit Wasser- und Wolkensicht begnügen.
Auch die Windbeobachtungen längs der pommerschen Küste, angestellt von
den Sturmwarnungsstellen der Seewarte, zeigten durchweg eine mäßige bis frische
westsüdwestliche Luftströmung in Bodennähe, wie folgende Zusammenstellung
ergibt, in der die Beobachtungen bis nach 14 Uhr, wo wir die Samländische Küste
erreicht hatten, eingetragen sind:
29 Juni 1932 | 8 Uhr
14 Uhr
W 4 wolkig W 4 wolkig
SW 5 wolkig W 1 heiter
SW 3 wolkig WSW 3 halb bedeckt
WSW 3 bedeckt W 3 wolkig
WSW 4 wolkig W 5 wolkig
Arkona +. . . .
Kolberg. . 0... +
Rügenwaldermünde. . .
Stolpmünde . . . .
Leba. . . 2...
Windregistrierungen in m/sec lagen vor von:
27. Juni 1932
_ Uhrzeit:
8—9 | 9—10 | 10—11 | 11—12 | 12—13 | 13—14 | 14—15 | 15—16
Rügenwalder- 4
münde . . .| SW 7.0| SW 7.5WSW 9.0) WSW 8.01WSW 7.5|WSW 6.0)WSW 6.0 WSW 5.0
Danzig. . . .|WSW 46| W 54 W 5.6 WSW 5.5/WSW 5.01WSW 4.,9/WSW 5.0 WSW 5.0
Königsberg i. Pr. W471) W 4.7WSW 55 W 5.8S|WNW 5.9 W577! W 4.4\WSW 5.1
Um 13.22 Uhr sichteten wir 20 km voraus Küste; 13.35 Uhr stellten wir nach
unsern Karten fest, daß es Samland mit Brüsterort war, und um 13.50 Uhr über-
schritten wir die Küste nach ununterbrochener Überseefahrt von 12 Stunden
9 Minuten (506 km). Unsere zeitliche Vorausberechnung für Erreichung der
Küste stimmte recht genau. Von nördlich Bornholm hatten wir 340 km in
? Stunden 50. Minuten mit einer Geschwindigkeit von 43.4 km in der Stunde
zurückgelegt.
Zunächst blieben wir über Land in der gleichen Höhe wie zuletzt über See,
in 1800 m, um noch möglichst weit nach rechts, auf Königsberg zu, zu kommen,
das wir sehr bald erblickten, denn die Wolken waren hier fast ganz verschwunden.
Wären wir gleich bei Brüsterort tiefer gegangen, so wären wir nach dem Süd-
ufer des Kurischen Haffs getrieben worden und hätten erst östlich des Haffs
landen können.
Die Luftströmungen über Samland um 14 Uhr, zur Zeit, wo gerade der
Ballon die Küste bei Brüsterort—Palmnicken erreichte, sind aus Tafel 20 zu ersehen,
in die die Windbeobachtungen der 7 dort vorhandenen Sturmwarnungsstellen
der Seewarte eingetragen sind. Man sieht deutlich, daß der Ballon beim Tief-
fahren in Richtung Neukuhren—Cranz nach dem Kurischen Haff getrieben worden
wäre, was ich vermeiden wollte; ich versuchte daher von oben, aus 1800 m Höhe,
‚Jr