VPE SEE
Ann. d. Hydr. usw., LX1, Jahrg. (1933), Heft V/VI.
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Wissenschaftliche Beobachtungen auf einer Freiballonfahrt
über die Ostsee von Kiel nach Königsberg.
Von Dr. Paul Perlewitz, Hamburg, Deutsche Seewarte.
(Hierzu Tafeln 19 und 20.)
Die kleine Abhandlung widme ich dem An-
denken meines verehrten Seewarten- und Spezial-
kollegen. vom Freiballon, dem verstorbenen Albert
Wigand, mit dem mich das aeronautische Korb-
observatorsum über 20 Jahre verbunden hat und
dem ich diesen Bericht im Manuskript als erstem
kurz vor seiner letzten Krankheit zu lesen gab.
Perlewitz.
I. Einleitung,
Der Deutsche Luftsportverband (Ortsgruppe Hamburg, Hamburger Verein
für Luftfahrt-—Aeroklub) hat die wissenschaftlichen Ballonfahrten in Ver-
bindung mit der Deutschen Seewarte und der Universität (dem früheren Vor-
lesungswesen) von jeher gepflegt!). Als Startort für Freiballone ist Hamburg
nicht günstig, weil wegen der Nähe der Nord- und Ostsee nicht bei jeder Wetter-
lage aufgestiegen werden kann, Starke Winde in Richtung nach See, d. h. Winde
von Ostsüdost bis Westsüdwest, in Verbindung mit tiefen Wolken sowie Nebel-
wetterlage verhindern die Aufstiege. Einer der wissenschaftlichen Aufstiege mußte
sogar im letzten Augenblick nach Bitterfeld verlegt werden. Andererseits bietet
eine Fahrt von Hamburg nach der Küste oder auch von einem anderen Küsten-
ort, z. B. Kiel, wie im vorliegenden Fall, bei sichtigem Wetter die günstigste
Gelegenheit zu eingehenden meteorologischen Beobachtungen über die Lulft-
strömungen und -austauschverhältnisse über Land und See?)
Nach längerer Unterbrechung bot sich Ende Juni 1932 wieder einmal eine
Gelegenheit, Luftströmungen zu erforschen, und zwar diesmal nicht Lokalwinde
an der Küste?), sondern Winde zwischen zwei Tiefdruckgebieten über Nord- und
Ostsee und die Übergangsströmungen von dem einen Tief zum anderen.
Eine zweite Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, war die, die Strömungen in
100 m Tiefe unterhalb des Ballons ständig mit den Luftströmungen in Ballon-
höhe zu vergleichen. Für diese — im Gegensatz zur ersten Aufgabe — mikro-
meteorologischen Untersuchungen hatte ich besondere technische Einrichtungen
und Instrumente vorgesehen.
Drittens sollten — und das war eine Aufgabe, die sich mein Begleiter ge-
stellt hatte — bakteriologische Messungen über die Reinheit der Luft über See,
Küste und Land sowie in verschiedenen Höhen vorgenommen werden.
Die vierte Aufgabe, die gestellt war, bestand in der Erprobung eines Ballon-
kompasses, den ich mit der Firma C. Plath, Hamburg, zusammen gebaut habe.
Leider wurde das Instrument nicht rechtzeitig zu dieser Fahrt fertig, so daß die
Erprobung erst später stattfinden konnte.
Da die Ballonfahrt 17 Stunden 33 Minuten dauerte, so war reichlich Zeit,
sich den drei ersten Aufgaben zu widmen, soweit es neben der technischen
Führung des Ballons zu zweien möglich war.
Über diese Beobachtungen und einige Ergebnisse soll hier berichtet werden.
1) Siebe Veröffentl, der Internat, Komm, für wissensch. Luftschiffahrt 1903, S. 200—204, Fahrt
som 4, 6. 1903 von Elias und Perlewitz, Ferner Jahrbuch der Hamb, Wissensch, Anstalten 1914,
33, Heft 3: Die erste Hamburgische wissenschaftliche Ballonfahrt. Ferner: Annalen der Hydrograpbie
usw. 1927, S, 1 bis 6: Die zweite Hamburgische wissenschaftliche Ballonfahrt, Ferner ebenda 1927,
8. 316 bis 321: Wissenschaftliche Ballonfahrt mit Fankbildübertragungsversuchen. Die Führung hatte
jedesmal P. Perlewitz. Drei weitere wissenschaftliche Ballonfahrten von Hamburg aus fanden unter
Fübrung von A, Wigand am 14. April 1929, 11, Februar 1930 und 23. Oktober 1930 zum Zwecke
von aerologischen Vergleichsmessungen gleichzeitig im Ballon und Wetterflugzeug statt (nicht publiziert).
— BRegistrierballonaufstiege wurden schon seit 1905 gemeinsam von der Seewarte und dem Physika-
Jlischen Institut in Hamburg gemacht; vgl. Perlewitz, Registrierballonaufstiege 1905/06 in: Jahrbuch
der Hamb. Wissensch. Anstalten XXI, 1905, Heft 4. , |
2) In: Perlewitz, Erforschung der Luftströmungen durch die Flugbahnen der Freiballone. Das
Wetter, 1914, Heft 5, S. 1 bis 12,
Ann. U. Hydr. usw. 1933, Heft V/VI.