Kleinere Mitteilungen,
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rechtigung!!) Wichtig ist für den schauenden und schildernden Beobachter
die notwendige Selbstkritik; journalistische Superlative streiche man in seiner
Niederschrift, wenn man sie einer wissenschaftlichen Zeitschrift einsendet. Schlimm
wird die Schilderung, wenn der Beobachter — ohne die nötigen Kenntnisse zu
haben — glaubt, sie „wissenschaftlich ausstatten“ zu müssen:
„Das Klima ist ozeanisch ... mit täglichen Schwankungen von 19 bis 35°.“ — „Die
Hurracanes nehmen ihren Anfang im Karibischen Meer oder im Golf von Mexiko.“ —
„Das Barometer fällt (beim Vorübergang eines solchen) urplöfzlich auf den Nullpunkt.“ (Bei
der ungeheuren Fallgeschwindigkeit werden wahrscheinlich gelegentlich negative Luftdruckwerte
erreicht.) — „Im Sturmzentrum, das mit äußerster Schnelligkeit in bestimmter Richtung
dakinrast“ (mit 5 bis 7 m/sec.).
Dieser Auszug aus einer wissenschaftlichen Abhandlung, die vor wenigen
Jahren in den Veröffentlichungen einer angesehenen geographischen Körperschaft
erschien, mag als Musterbeispiel dafür dienen, wie nicht beschrieben werden
soll: das ist nicht die Schilderung eines Wissenschafters, sondern eines dilet-
tierenden „Magazin“-Wissenschaftlers. Gerhard Castens.
6. Zıuv und Lee. Stenzel, Deutsches seemännisches Wörterbuch, Berlin 1904: Luvy oder
Luvseite = „die Seite, von welcher der Wind kommt“; Lee = „die der Luvseite entgegengesetzte
Seite , . . oder die Richtung, nach welcher der Wind hinweht“,
Kluge, Seemannesprache, Halle 1911: Luv, Luvseite = „‚Seite des Schiffes, auf die der
Wind trifft“; Lee = „die dem Winde nicht zugekehrte Seite des Schiffes“ — „alles, was man in
der Gegend sicht, nach welcher der Wind hinweht, liegt in Lee (Röding)“,
Banse, Lexikon der Geographie Braunschweig 1923: Luy = ‚„‚die Seite des Schiffes, der Küste,
[Insel usw., die vom Winde getroffen wird“; Lee = „die dem Winde abgekehrte Seite eines Schilfes,
einer Insel, Küste usw.; in Bergländern die Wind- und Niederschlagsseite‘“!
Wasmund, Die Strömungen im Bodensee (Internat. Revue der ges, Hydrobiologie n. Hydrographie,
Leipzig 1927/28, Bd, 18 u. 19): „In der Strömungsliteratur herrscht ein arger Wirrwarr im Gebrauch
der Worte Lur und Lee. Einmal wird Luv, wie es richtig ist, für das Auftreffen der Brise am See
gebraucht, dann aber auch für das Auftreffen an der Brandungsküste, die ja von dieser Landseite
zus gesehen tatsächlich in Luv steht. Ebenso wird dieselbe Küste so genannt wegen des Auftreffens
des windproduzierten Staustroms, oder die andere wieder wegen des hier zuerst auflaufenden Rück-
stroms, Es scheint mir Konsequenz nötig. Der See muß das Objekt sein, von dessen Lage aus die
Termini gebraucht werden, nicht der ganz verschieden mögliche und zutällige Stand eines Menschen,
Ich gebrauche Lur und Lee nur für Ströme, die mit dem Wind zusammenhängen, denn dann sind
sie eine Funktion der Windrichtung und können picht für sich die dann umgekehrte Benennung
yeanspruchen. Luvküste ist die Küste, wo Wind und Oberstrom das Land verlassen und wo der
Rückstrom auftaucht.‘
Für den Seemann auf
dem Schiff S, liegt die Fest-
landsküste A in Lee; die
[nselküste B ist für ihn
Luvküste.
Für die Bewohner der
Insel sind B und D Lee- vn Anlkthkklkh Rh MMM MM Uikehzeänsan ndrnehedeRAKLMA MUT HE Chalet
küsten, die vom Winde getroffene Küste € ist ihre Luvküste.
E ist die vom Wind getroffene Seite des Berges, also (trotz Banse) seine Luv-
seite; F ist seine Leeseite. Für das benachbarte Tal und dessen Bewohner ist
F die Luvseite des Tales,
Die Luvküste D des Seemanns, OÖzeanographen und meteorologischen Forschers
auf Schiff S, ist die Leeküste des in D wohnenden ehemaligen Kapitäns und
jetzigen meteorologischen Beobachters,
Der „Wirrwarr“ ist nach diesen Beispielen nicht ganz unbegründet. Er
wird auch nicht beseitigt durch die zunächst annehmbar erscheinende paradoxe
Formel: die „Leeseite“ des Seemanns, Ozeanographen und Seenforschers ist die
„Luvseite“ des Meteorologen und Landbeobachters. Am sichersten geht der
Wissenschafter, wenn er die Verwendung der Begriffe Luv und Lee trotz ihrer
seemännischen Eindeutigkeit vermeidet. Gerhard Castens
Vgl. Ann. der Hydr. 1927, S, 328, Ziff. 5.
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