Robitzsch, M.: Zur Psychrometerfrage,
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[nteressant mag es sein, daß gerade systematische Abweichungen zwischen den An-
zaben zweier Psychrometer mich auf diese Untersuchungen führten. Und diese
Psychrometer waren Aßmannsche Aspirations-Psychrometer. Durch Aspiration
|äßt sich also eine solche Fehlanzeige nicht verringern, sie muß auch bei „vorschrifts-
mäßigem Gebrauch“ des Psychrometers auftreten, weil eben die Sättigungsdrucke
des Wasserdampfes über den Hüllen geändert sind,
Dies sei zu den Einwendungen des Herrn Bongards bemerkt, die sich auf die Stoffhülle des
feuchten Thermometers und deren Einfluß auf die Messung der Feuchtigkeit beziehen.
Herr Bongards greift aber auch die ganze Methode an, die ich zur Bestimmung von E'’— E
verwende, indem er, auf Grund der älteren Psychrometertheorien behauptet, daß die Psychro-
meterkonstante abhängig von der Ventilationsgeschwindigkeit sei, Ich habe in zahl-
reichen, am Schluß dieser Arbeit angeführten Mitteilungen theoretische und praktische Gründe dafür
gegeben, daß diese Ansicht nicht zutrifft, Ich muß an dieser Stelle, wo es sich darum handelt, die
Einwände des Herrn Bongards zu entkrätten, noch einmal auf diese Frage eingeben,
Zunächst die theoretischen Unterlagen für meine Ansicht.
Wir betrachten die Masseneinheit (Kilogramm) eines Luft-Wasserdampf-
gemisches. Sie mag r Kilogramm Wasser in Dampfform, also (1 —r) Kilogramm
trockene Luft enthalten.
Der Gesamtwärmeinhalt der Masseneinheit des Gemisches läßt sich durch
ärei Einzelkomponenten ausdrücken,
1. Der Wärmeinhalt der trockenen Luft ist formelmäßig durch den Ausdruck
Wesel )T
gegeben, wo cp, = 241 cal die spezifische Wärme der trockenen Luft bei konstantem
Druck (auf das Kilogramm bezogen), T die Absoluttemperatur bedeutet,
2. Der fühlbare Wärmeinhalt der Wasserdampfkomponente ist gleich
Wer zz Cy rT,
wenn GC, == 379 cal die spezifische Wärme des Wasserdampfes bei konstantem
Druck (ebenfalls auf das Kilogramm bezogen) ist.
3. Der latente Wärmeinhalt des Wasserdampfes ist gegeben durch die
Gleichung
Wer =rL
wo L die Verdampfungswärme des Wassers (pro Kilogramm etwa 600000 cal) ist.
Der Gesamtwärmeinhalt W_ der Masseneinheit des Gemisches setzt sich
additiv aus diesen Komponenten zusammen, Er ist also
/ L Sp” — %
W=W, + Wagt War =, (1 Te zT +rL=e, [7 ar .
Die Klammergröße rechts ist lediglich eine Funktion der Temperatur T und
der spezifischen Feuchtigkeit r. Der Ausdruck ist dimensionslos, und wir können
ihn als den Temperaturwert auffassen, den die Masseneinheit trockener Luft
besitzen müßte, wenn sie den gleichen Gesamtwärmeinhalt hätte, den die betrach-
tete Masseneinheit des Luft-Wasserdampfgemisches in Wahrheit besitzt. Wir
kennen diese Temperatur unter dem Namen äquivalente Temperatur und be-
zeichen sie mit 6.
An dieser Stelle möchte ich erwähnen, daß bei der Definition der äquivalenten Temperatur
keinerlei Annahme über die Größe von r gemacht ist, Die spezifische Feuchtigkeit kann alle nur
möglichen Werte besitzen, die bei der Temperatur T überhaupt vorkommen können, Meine Betrach-
tungen beschränken sich also durchaus nicht auf mit Wasserdampf gesättigte Luft, wie Herr
Bongards, in Verkennung der Sachlage, in seiner Kritik hervorzuheben für notwendig hält. Das
Newtonsche Abkühlungsgesetz für einen feuchten Körper, daß ich hier ableiten werde, gilt für einen
zeuchten Körper in Luft beliebigen Feuchtigkeitsgehaltes, nicht nur, wie Herr Bongards für
„zulässig“ hält, für einen nassen Körper in gesättigt feuchter Luft.
Der Gesamtwärmeinhalt der Masse M eines Luft-Wasserdampfgemisches läßt
sich also allgemein durch eine Gleichung der Form
Wy=Mec.O
ausdrücken.
Ausgehend von der Erkenntnis, daß man den Gesamtwärmeinhalt feuchter
Luft durch geeignete Wahl einer „fingierten“, „äquivalenten“ Temperatur in
gleicher Weise ausdrücken kann, wie den trockener Luft, liegt auch nichts im
Wege, Betrachtungen, die für trockene Luft gelten, unter Zugrundelegung der