Schubart, L.: Ungewöhnliche Bahn eines westindischen Orkans im November 1932. 105
Radius von 150 Sm rechnet, in dem der schwerste Sturm weht, Die Geschwindigkeit
der „Feodosia“ gegen Wind und See vom 6. bis 7. betrug nur 5 Sm gegen 10 Sm
unter normalen Verhältnissen, Aber am nächsten Tage, am 7. November, betrug
die Entfernung zwischen Schiff und Orkanzentrum etwa 450 Sm, und doch
konnte vom 7, bis 8, November nicht mehr als 6!/, Sm Fahrt die Stunde erzielt
werden. Diese Tatsache zeigt den großen Umfang des Orkans, der am 8. November
noch deutlicher wird, denn an diesem Tage betrug die Entfernung zwischen
Schiff und Orkan sogar 530 Sm,
Das Auffälligste an dem Orkan ist aber seine Bahn vom 2, bis 7. November,
die nach der Skizze von Kapitän Jürgens (Fig. 1) fast Ost—West verläuft. Man
könnte bei flüchtigem Hinschauen diese parabelförmige Bahn, die das meistens
vorhandene atlantische Hochdruckgebiet im Westen umkreist, für typisch halten.
Aber man muß die Jahreszeit bedenken. Die Zone der Umbiegung, die im
August zwischen 27° und 35° N-Br. liegt, wandert im Herbst nach Süden und
liegt bei den späten Oktoberorkanen schon so weit südlich, daß sie nahe an die
Grenze gerückt ist, wo erfahrungsgemäß Orkane nicht mehr auftreten. Aus
diesem Grunde entwickeln die späten Orkane kaum oder selten einen kurzen
westlich gerichteten Bahnzweig, sondern begeben sich gleich bei ihrem Er-
scheinen auf die Umbiegung und auf die nordöstliche Wanderung, auf der sie
dann oft gestört werden durch die um diese Zeit häufigen Vorstöße hohen
Druckes aus dem nordamerikanischen Festland. Die Oktober- und November-
orkane haben dadurch die unregelmäßigsten Bahnen; Ablenkungen von der
Normalbahn sind häufig und sogar Schleifenbildungen können eintreten. Aber
eine etwa 800 Sm lange Ost—West-Bahn wie bei diesem Orkan ist im November
noch nie beobachtet und muß als außergewöhnlich bezeichnet werden. Man
betrachte hierbei Fig. 2, die Bahnen der Novemberorkane, die der erwähnten
Arbeit von Mitchell, in der 239 Orkanbahnen auf acht Karten dargestellt sind,
entnommen ist,
Nach ihrer Umbiegung vom 7. bis 10. November verlief die Bahn so, wie
sie in diesem Monat zu erwarten war. Störungen der vorher genannten Art
scheinen nicht eingetreten zu sein, Dieser Bahnteil hatte fast genau die Richtung,
die ich als wahrscheinlichste für die Zeit und den Ort in den Orkanbahnkarten
für das Westindien-Handbuch, III Teil, 1926, angegeben habe (Fig. 3). Für
diese Karten habe ich die 239 Bahnen der 36-Jahres-Epoche von 1887 bis 1923
nach Mitchell sowie die 134 der etwas älteren Epoche von 1876 bis 1910 nach
Fassig!) benutzt. Die Anregung, gerade Peilstriche zu geben habe ich aus
Mitchell geschöpft, denn in dessen Arbeit finden sich neben’ den wirklichen
Bahnen eine Anzahl Karten mit zahlreichen Pfeilen, die Durchschnittsrichtungen
darstellen. Gerade Pfeilstriche, wenn sie übersichtlich angeordnet sind, erschienen
mir deshalb besonders geeignet, weil der Schiffsführer danach leicht die Richtung,
nach der ein Orkan wandert, in die Navigationskarte übertragen kann, denn
er muß, um dem Orkan aus dem Wege zu gehen, sich im voraus ein Urteil über
die Fortbewegung bilden und muß sie vergleichen mit den funktelegraphisch
übermittelten Prognosen, die nur dann zuverlässig sind, wenn sie auf zahlreichen
Schiffsbeobachtungen über die Druckverteilung beruhen, was der einzelne Schiffs-
führer aber nicht immer wissen kann.
Hinsichtlich der Durchschnittswerte konnte ich jedoch Mitchell nicht folgen,
weil durch das Hineinbeziehen von einzelnen Ausnahmebahnen das Resultat so
verfälscht werden kann, daß Bahnrichtungen entstehen können, die in Wirk-
lichkeit nie von einem Orkan eingeschlagen sind. Deshalb entwarf ich Karten
der wahrscheinlichsten Bahnrichtungen in den einzelnen Monaten mit Zahlen
für die Beurteilung der Geschwindigkeit für 24 Stunden in Seemeilen. Die
Karte für Oktober und November ist in Fig. 3 wiedergegeben.
1) Oliver L. Fassig, Hurricanes of the West Indies, N. S. Department of Agriculture, Weather
Bureau. Bulletin X. Washington.
Ann. d. Hrdr. usw. 1923. Heft IV.