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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1933.
Ungewöhnliche Bahn eines westindischen Orkans im November 1932. ©
Von L. Schubart.
(Hierzu Tafel 12.)
Der Orkan, durch den am 9. November 1932 die Stadt Santa Cruz del Sur
auf Cuba verwüstet wurde, ist in mehrfacher Beziehung eine ungewöhnliche
Erscheinung, Er wird von den amerikanischen Meteorologen, die die Geschicht-
schreiber der westindischen Orkane sind, wohl den Namen „Santa Cruz-Orkan“
erhalten, denn es ist Brauch, die Orkane mit Namen zu bezeichnen. Durch
die Liebenswürdigkeit der Hamburg-Amerika Linie, die mir einen Bericht des
Kapitän Jürgens, Dampfer „Feodosia“, vom 14. November 1932 über den Orkan
zustellte, bin ich in der Lage, einige Angaben zu machen. Der Bericht lautet:
„Am 4, November mittags wurde von hier aus die Reise nach Kingston angetreten. Während
der folgenden ganzen Woche bis zum 11. November wurde der Fortgang der Keise sehr störend durch
schlechtes Wetter beeinflußt, hervorgerufen durch einen Orkan, welcher gerade unser Fahrt- und
Arbeitsgebiet direkt umkreiste, wie aus einer nach den täglichen Wetterberichten angefertigten Skizze
recht interessant ersichtlich ist. Wenn wir auch vom Orkanzentrum verschont blieben, so waren wir
Joch während der ganzen Woche im Bereich des Sturmgebiets, in den Häfen wurde die Löscharbeit
Jurch häufige Regenböüen verzögert, die Seereisen wurden durch Gegenwinde und schwere See ver-
längert. In Kipvgston war die Löscharbeit am 5, November 20 Uhr beendet, die Ausfahrt mußte
aber wegen Oststurm mit schweren undurchsichtigen Regenböen bis zum nächsten Vormittag ver-
achoben werden, Für die Reise von Kingston nach Santo Domingo wurden statt 44 70 Stunden
enötigt. Am 10. November frühmorgens ankerten wir bei stürmischem Südwind auf der Reede von
San Pedro de Macoris, welche gerade gegen Süden offen ist. Der von der Agentur ausgesandte
Leichter mußte wieder umkehren bevor er die offene Seereede erreichte, so daß an dem Tage nicht
gelöscht werden konnte. Erst im Laufe der Nacht flaute es 80 weit ab, daß wir im Laufe des nächsten
Vormittag, 11. November, endlich die Ladung los wurden.
An dem Orkan ist folgendes auffällig: Die Zeit des Auftretens, seine Heftigkeit,
sein großer Umfang und vor allem seine Bahnrichtung vom 2. bis 7, November,
Nach Charles L. Mitchell!) sind in der 36-Jahr-Epoche von 1887 bis 1923
in Westindien 239 Orkane vorgekommen, von denen nur 15 oder 6% sich im
November ereigneten. In dieser Statistik sind auch alle die Depressionen mit-
gezählt, die wohl Wirbelcharakter, aber keine Orkangewalt hatten. Von den
15 Wirbelbildungen des November entfallen sieben auf das hier in Betracht
kommende Karibische Meer, und unter diesen war nur eine ein richtiger Orkan,
allerdings ein sehr schwerer, der 1912 das Westende von Jamaika verwüstete,
und in den auch damals ein Dampfer der Hamburg-Amerika Linie geriet, nämlich
„Prinz Sigismund“, Kapitän Jul. Tutt, auf der Fahrt von Montego Bay an der
Nordküste von Jamaika um das Westende der Insel herum nach Kingston. Wenn
also in 36 Jahren nur ein schwerer Orkan im November aufgetreten ist, so muß
man die Erscheinung eines solchen im Karibischen Meer in diesem Monat zu
den seltenen Ereignissen rechnen,
Über die Helftigkeit des November-Orkans von 1932 hat die Tagespresse
ausführlich berichtet. Die Verwüstung der Stadt Santa Cruz ist aber haupt-
sächlich von der Orkanflut bewirkt, die sich aus der Summierung von vier Er-
scheinungen zusammensetzt: Hebung des Wasserspiegels durch den niedrigen
Luftdruck, Herniedergehen riesenhafter Regenmengen, Zusammenströmen von
Wassermassen durch die rings auf das Zentrum zuwehenden Winde und die
zeographische Lage des Ortes am Golfo de Guacanayabo, aus dem das auf-
gestaute Meer wegen der keilartig hervortretenden Halbinsel von Cabo de la Cruz
nicht abfließen konnte.
Der große Umfang des Orkans geht aus dem Bericht und der Skizze von
Kapitän Jürgens (Fig. 1) hervor, in der die gleichzeitigen Standorte des Dampfers
„Feodosia“ und des Orkanzentrums verzeichnet sind. Dieses befand sich am
6. November rund 200 Sm südwestlich vom Schiff, Daß an diesem Tage der
Dampfer nur geringen Vorwärtsgang hatte, ist nicht außergewöhnlich, obwohl
man bei der niedrigen Breite, in der der Orkan stand, im allgemeinen mit einem
*) Aus der Feder des Verfassers erscheint demnächst ein Buch „Praktische Orkankunde” im
Verlage von E, S. Mittler & Sohn, Berlin SW 68, Kochstraße 68—71,
1) West Indian Hurricanes and other tropical Cyclones of the North Atlantic Ocean, Monthly
Weather Review, Supplement 24, 1924, u. S. Department of Agriculture, Weather Bureau, Washington,