Scherhag, R.: Untersuchungen über die Nachtgewitter im rordwestdleutschen Küstengebiet. IV. 103
leicht auch dort entstanden, wo an der Vorderseite des heranrückenden Kälte-
ginbruchs die erhitzte Warmluft besonders weit nach Norden vorstieß.
Diesen Gewittertyp können wir natürlich nur dort antreffen, wo ein starkes
südnördliches Temperaturgefälle vorhanden ist. Das sind aber gerade die Nord-
zeiten der im Sommer stark erhitzten Landgebiete. So ist die Temperatur-
abnahme z. B. besonders groß an der Nord- und Ostseeküste: Über Helder ist es
im Juli in 1 km Höhe im Mittel schon 1.4° kälter als über Utrecht!), während
die gleiche Differenz zwischen Friedrichshafen und Hamburg?) nur 0.6° beträgt.
Es kommt noch hinzu, daß die Temperaturdifferenz in größerer Höhe geringer
wird (in 5 km zwischen Utrecht und Helder z. B. nur noch 0.2°), so daß daher
bei einem Vorstoß südlicher Luftmassen eine stärkere Erwärmung der unteren
Schichten noch mehr begünstigt ist.
Diese Gewitter treten im Stadium a der komplexen Druckschwankung nach
v. Ficker?) auf, während die nachfolgenden Kaltfrontgewitter der Phase b an-
gehören. Es ist auffällig, daß die Verstärkung des Druckfalls durch die untere
Erwärmung in unseren Fällen viel beträchtlicher gefunden wurde, als sie v. Ficker
im Mittel errechnete.
14. Zusammenfassung,
Wie bei den Einzelbeispielen, so ergibt die Änderung der meteorologischen
Elemente bei 13 untersuchten Nachtgewittern im nord westdeutschen Küstengebiet
[olgendes Bild:
Die Temperatur ist nach den Gewittern besonders in der Schicht von 500 bis
1000 m wesentlich höher als am Vortage, über 3000 m ist eine geringe Abkühlung
zu bemerken, die aber mit einer Zunahme der Feuchtigkeit verbunden ist, so daß
die äquipotentielle Temperatur in allen Schichten zunimmt. In 1000 m nimmt der
Wärmeinhalt so stark zu, daß noch nach den Gewittern die äquipotentielle
Temperatur von 1 bis 5 km mit der Höhe abnimmt; die Schichtung ist also
sehr labil. Der Wind hat vom Vor- bis zum Nachtag in allen Höhen nach links
gedreht. Bis 1500 m konvergiert er in das Gewittergebiet hinein, darüber diver-
giert er nach den gleichzeitigen Pilotballonmessungen zu Hamburg und Stettin
stark. Diese Divergenz steht im Zusammenhang mit der Zone stärksten Druckfalls.
In allen Fällen entstehen die Gewitter an der Rückseite eines rasch ostwärts
wandernden Hochdruckkeils bei Annäherung des Tals einer primären Druck-
welle. Durch den statischen Effekt der an der Vorderseite des Luftdruckfall-
gebiets nach Norden geschafften Warmluft wird der Druckfall in den unteren
Schichten um etwa 34% verstärkt und damit besonders in den der Bodenreibung
entzogenen Schichten von 500 bis 1000 m eine starke Südkomponente des Windes
hervorgerufen, die den unteren Warmlufttransport weiter steigert. Wo der
nordsüdliche Temperaturgegensatz besonders groß ist, wie in den Küstengebieten,
wird durch diesen unten erfolgenden Temperaturanstieg bei in der Höhe durch
die eintretende Konvergenz infolge Hebung einsetzender Abkühlung der vertikale
Temperaturgradient so verstärkt, daß ein Umsturz der Luftmassen eintritt, Wegen
des beständigen Nachschubs von Warmluft halten diese Gewitter lange an und
wiederholen sich leicht; erst an der Kaltfront erreicht die Gewittertätigkeit ihr Ende.
Da der Luftdruck infolge der täglichen Temperaturschwankung über dem
Kontinent nachts ansteigt, durchquert das Zentrum des Fallgebiets meist in der
Nacht die Küstengebiete, so daß dieser Gewittertyp fast nur in den Nachtstunden
beobachtet wird. Diese Gewitter sind stets mit Druckfall verbunden,
Ich möchte diese Untersuchung nicht abschließen, ohne dem Schriftleiter
der Ann. d. Hydr., Herrn Prof. Castens, für sein bereitwilliges Entgegenkommen
bei dem Druck dieser für die heutige Notzeit viel zu umfangreich gewordenen
Arbeit meinen ergebensten Dank auszusprechen, besonders für die mühevolle
Übernahme der Anfertigung der zahlreichen Figuren. Zugleich bin ich Herrn
Prof. Kuhlbrodt für die Anregung zu dieser Arbeit und sein beständiges Interesse
an ihr und der Deutschen Seewarte für die bereitwillige Überlassung von Karten-
material usw. zu großem Dank verpflichtet,
” Köppen-Geiger, Handb. d. Klimatologie, S, F24. — ®) Ebenda S, F25. — % Vgl. z. B.
Hann-Süring, Lehrb. d. Meteorol., 4. Aufl., S, 568.