Die Küste, 75 MUSTOK (2009), 71-130
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Vereinzelt wird in der Literatur die Annahme geäußert (Kiecksee, 1972), dass der Stau
durch den Sturm am 12.11. zum Stau beim Orkan am 13.11. wesentlich beigetragen hat.
Dagegen spricht, dass häufig ein bereits vorhandener Stau und die damit verbundene drei
dimensionale Zirkulation eine weitere Stauerhöhung erschwert, insbesondere, wenn sich
Windrichtung und -stärke im Verlaufe des Ereignisses ändern. Da diese Frage von grundsätz
licher Bedeutung für das Verständnis der dynamischen Vorgänge bei Sturmhochwassern ist,
wurde ein weiteres numerisches Experiment angestellt. Numerische Experimente bieten den
großen Vorteil, dass Strömungsgeschwindigkeiten nebst vertikaler Zirkulation unter sich
ändernden meteorologischen Randbedingungen physikalisch korrekt abgebildet werden, da
in den Modellgleichungen die Impulserhaltung gewährleistet ist.
Ausgehend von dem Wasserstand am Ende des Füllungsexperiments (Abb. 18a) wurden
Simulationen mit meteorologischen Antrieb vom 10.-14.11., vom 12.-14.11. und vom 13.-
14.11. durchgeführt. Die Abbildung 20a zeigt den Wasserstandsverlauf für Flensburg. Hier
übertrifft der durch den Orkan allein verursachte Stau (13.11.) den durch eine Kombination
aus dem vorhergehenden Sturm und dem Orkan hervorgerufenen Stau (12.11.). Das stützt
die Behauptung, dass der vorhergehende Sturm eher hinderlich war. Der Unterschied zwi
schen dem letztgenannten Experiment und dem Experiment mit einer zusätzlichen Berück
sichtigung der Phase des Wetterumschwungs (10.11.) zeigt für Flensburg, aber auch für an
dere Orte (Abb. 20b) vernachlässigbare Unterschiede in den Scheitelwasserständen.
Für die Scheitelwasserstände der beiden erstgenannten Experimente (12.11.-14.11. und
13.11. -14.11.) gibt es dagegen räumliche Unterschiede bezüglich des Staus, der durch den
Sturm am 12.11. zusammen mit dem Orkan am 13.11. erzeugt wurde, und dem allein durch
den Orkan am 13.11. verursachten Stau. Während für Orte der Kieler Bucht, Marienleuchte,
Stralsund Hafen und Orte der Pommerschen Bucht die Scheitelwasserstände des Experi
ments 13.11.-14.11. die des Experiments 12.11.-14.11. übertreffen, ist es von Travemünde bis
Warnemünde umgekehrt. Die maximalen Differenzen werden in Wismar (- 0,24 m) und Saß
nitz (+ 0,22 m) erreicht. In Flensburg beträgt die Differenz 0,08 m.
Die Experimente zur Bedeutung des dem Orkan am 13.11. vorangegangenen Sturms für
die Höhe der Scheitelwasserstände bestätigen die hier geäußerte Vermutung, dass der Sturm
am Vortage einen eher hindernden Einfluss auf den Wasseranstieg hatte, nur für die Kieler
und Pommersche Bucht. Die Gründe für den leicht anderen dynamischen Befund in der
Mecklenburger Bucht (Travemünde bis Warnemünde, Abb. 20b) wurden nicht näher unter
sucht. Eine mögliche Erklärung ist die mit ONO (Baensch, 1875) für die Mecklenburger
Bucht nicht optimale Richtung des Orkans am 13.11.1872 (vergl. Tab. 5: NO für Travemünde
und NNO für Warnemünde).