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Full text: Modellierung von extremen Sturmhochwassern an der deutschen Ostseeküste

Die Küste, 75 MUSTOK (2009), 71-130 
108 
Für die Nachrechnung bestimmter Wettersituationen ist der Zeitraum zu bemessen, über 
den eine Einstromlage anhalten kann, und das Niveau, auf das der mittlere Wasserspiegel der 
Ostsee dann angehoben ist. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen zu größeren Salzwasser 
einbrüchen, die ebenfalls einige Tage Einstrom erfordern (Matthäus u. Franck, 1992). Wei 
demann (1950) skizziert für optimale Ein- und Ausstromlagen die Lage der Hoch- und Tief 
druckgebiete und weist darauf hin, dass extreme Einstrom-Wetterlagen aus dynamischen 
Gründen nur von kurzer Dauer sein können. Zusätzlich erfordern große Salzwassereinbrüche 
eine längere Vorgeschichte mit östlichen Winden über der Ostsee, wodurch das großräumige 
Wasserstandsgefälle zwischen Nord- und Ostsee optimiert wird (Matthäus u. Schinke, 
1994). Keiner der ausgewählten Zieltermine fällt mit einem Salzwassereinbruch, der das Tie 
fenwasser erneuert, zusammen (Leppäranta u. Myrberg, 2009; Matthäus u. Franck, 
2008). Das gilt auch für 2003, denn dort ist der Zieltermin im Oktober. So interessieren hier 
kurzfristige Wassertransporte, die relativ schnell wieder ausgeglichen werden. 
Ein Rückschluss vom Füllungsgrad der Ostsee auf den der Mecklenburger oder Kieler 
Bucht und damit auf einen Beitrag rückströmenden Wassers auf Sturmhochwasser ist dort 
problematisch. Janssen (2002) findet z. B. nur einen schwachen statistischen Zusammenhang 
zwischen dem mittleren Wasserstand der Ostsee und dem Wasserstand in der westlichen 
Ostsee. Abb. 15a und b zeigen kumulative Transporte in die Kieler und Mecklenburger Bucht 
für 1872 und für die Rekonstruktion 2005 zusammen mit Transporten für die EPS-Simula- 
tion 2005_45. Zum Zieltermin 21.01.2005 herrschte eine ähnliche Wetterlage wie 1872. Die 
senkrechte schwarze Linie markiert den Start der extremen Realisation. 
Abb. 15: Kumulative Transporte (positiv nach Westen) über Schnitte auf Höhe von Arkona (hellblau), 
der Darsser Schwelle (dunkelblau) und von Fehmarn (Belt und Sund, rot), a (links): Rekonstruktion 
1872, b (rechts): Rekonstruktion 2005 und Realisation 2005_45 (dünn) 
In beiden Fällen wird deutlich, dass ein starker Rückstrom aus der Ostsee windbedingt 
ist und 1872 einen vergleichsweise geringen zusätzlichen Transport über die Darsser Schwelle 
in die Mecklenburger Bucht und noch weniger in die Kieler Bucht bewirkt. Er ersetzt dort 
lediglich das vorher ausgeströmte Wasser. 
Eine weit verbreitete These zum Sturmhochwasser 1872 ist, dass vor dem Sturm am 
12.11. und dem Orkan am 13.11.1872 über eine ungewöhnlich lange Zeit Wind das Wasser 
durch Belte und Sund in die Ostsee transportiert hat und so der Orkan bei einem ungewöhn 
lich hohen Wasserstand der gesamten Ostsee begann (z. B. Baerens, 1998). Abb. 15a deutet 
schon an, dass dies nicht zutrifft. Um einen extremen Wasserstand herzustellen, wurde im 
numerischen Experiment eine stationäre Windverteilung gewählt (vom 4.11.1872, Abb. 16),
	        
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