Die Küste, 75 MUSTOK (2009), 71-130
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Da der Orkan am 13.11.1872 in seinen Folgen zwar verheerend war, aber nach zeitge
nössischen Angaben nicht völlig außergewöhnlich in seiner Stärke, vermuten andere Autoren
zusätzliche Ursachen für die sehr hohen Wasserstände von 1872: in einem erhöhten mittleren
Wasserstand der gesamten Ostsee (Baensch, 1875; Anonymus, 1882; Kiecksee, 1972; Bae-
rens, 1998), in einem windbedingten verstärkten Rücktransport (Grünberg, 1873; Kieck
see, 1972; WEISS u. Biermann, 2005) oder in einer ungünstigen Wechselwirkung mit dem
Kattegat (Pralle, 1875; Eiben, 1992). Es wurde auch postuliert, dass der Sturm am 12.11.1872
zu den hohen Wasserständen beigetragen hat (Kiecksee, 1972).
Um hier Antworten zu finden, musste zunächst das Sturmhochwasser von 1872 rekon
struiert werden, wobei erst nach mehreren iterativen Modifikationen die Wasserstände von
1872 erreicht wurden (Rosenhagen u. Bork, 2009). In den Kapiteln 4.1 und 4.2 werden
numerische Experimente zum Einfluss des mittleren Wasserstands und des Sturms am
12.11.1872 vorgestellt.
Eine weitere in der Literatur allgemein für Sturmhochwasser als signifikant angenom
mene Ursache sind Schwingungen der gesamten Ostsee (Leppäranta u. Myrberg, 2009;
Lass u. Matthäus, 2008) oder auch kleinräumige Schwingungen (Enderle, 1981). Sie wer
den stellenweise auch für das Sturmhochwasser 1872 angeführt. Vorwiegend werden ihnen
jedoch Sturmhochwasser zugeordnet, bei denen das verursachende Sturmtief aus Nordwest
kommt oder einer relativ seltenen Bahn aus Nordost folgt (Meinke, 2003). An Hand eines
solchen in MUSE-Ostsee simulierten extremen Sturmhochwassers (1971_35b0bv) wird in
einem weiteren numerischen Experiment der Einfluss einer Schwingung der gesamten Ostsee
auf den Wasserstand an der deutschen Küste untersucht.
4.1 Einfluss des mittleren Wasserstands der Ostsee auf das
S t u r m h o c h w a s s e r von 1872
Bei der Betrachtung nicht lokaler Einflüsse auf Sturmhochwasser ist zu unterscheiden
zwischen einem tatsächlichen Massentransport und der Ausbreitung langer Oberflächenwel
len (Energietransport). Unter dem Stichwort „erhöhter Füllungsgrad“ wird ein windbedingter
Massentransport auf den betrachteten Zeitskalen und zur „Sturmhochwassersaison“ verstan
den, der den mittleren Wasserstand der Ostsee deutlich erhöht. Konkret werden unterschied
liche Definitionen gebraucht. Meinke (1998) wählt Zeiträume, an denen Pegel an der deut
schen Küste über 15 Tage vor einem Sturmhochwasser einen erhöhten Wasserstand aufweisen.
Andere Definitionen nutzen den Wasserstand am Pegel Landsort. Im Schwingungsknoten der
direkten eintägigen Gezeiten liegend (Müller-Navarra, 2002; Schmager et al., 2008) ist der
Wasserstand in Landsort ein guter Indikator für den Füllungsgrad der gesamten Ostsee (Mül
ler-Navarra et al., 2003; Janssen, 2002). In MUSE-Ostsee werden Zeiträume, während
derer das übergreifende Mittel des Wasserstands in Landsort über 20 Tage größer als 0,15 m NN
ist, als Zeiten mit erhöhtem Füllungsgrad bezeichnet (Mudersbach u. Jensen, 2009). Dabei
ist zu beachten, dass der Wasserstand in Landsort einen ausgeprägten Jahresgang mit einem
Maximum im Dezember von 0,084 m (1899-1992) aufweist bei Schwankungsbreiten von
0,216 m (Hupfer, 2003). Bei der Auswahl der Zieltermine für die EPS-Simulationen wurden
dem Kriterium „Füllung“ Zieltermine zugeordnet, bei denen vor einem kräftigen Tiefdruck
gebiet über der Ostsee der Wasserstand in Landsort 0,60 m NN überstieg (Schmitz, 2007).
8 Bemerkung in einer Fußnote zur deutschen Zusammenfassung des Textes von Colding
(1881)