Thorade, H.: Gezeitenarbeiten des Tidal Institute in Liverpool. 59
auf die sogenannte Kontinuitätsbedingung stützt, legt Doodson die dynamischen
Bedingungen zugrunde; der leitende Gedanke, soweit er sich aus seinen knapp
gehaltenen Ausführungen entnehmen läßt, ist etwa der: Jede zeitliche Änderung
der Geschwindigkeit an einer bestimmten Stelle ist bedingt durch drei Ursachen,
erstens das Oberflächengefälle, zweitens die Erdumdrehung und drittens die
Reibung. Da nun die Geschwindigkeitsänderungen aus den Strömungskarten
entnommen werden können, und da die Wirkungen der Erdrotation und der
Reibung berechnet werden können, wenn die Geschwindigkeiten bekannt sind, so
kann man den Anteil des Oberflächengefälles an den Geschwindigkeitsänderungen
gewissermaßen als Restbetrag finden, und aus diesem Anteil ergibt sich rückwärts
das Oberflächengefälle selbst, Nun ist für jeden Zeitpunkt der Wasserstand an
den Küsten aus Gezeitenbeobachtungen bekannt, und wenn daran das Gefälle an-
gebracht wird, so läßt sich die Höhe des Wassers auch für seewärts gelegene
Punkte berechnen. Es leuchtet ein, daß die Methoden Defants und Doodsons,
obwohl sie beide von den Strömungen ausgehen, doch ganz verschieden sind,
wozu noch hinzukommt, daß die rechnerische Bewertung der Reibung bei dem
gegenwärtigen Stand der Kenntnisse bis zu einem gewissen Grade der Willkür
des Bearbeiters überlassen ist. Um so erfreulicher ist es, daß die sich ergebenden
Karten in den Hauptzügen übereinstimmen, wenn auch bei A. Defant der Ein-
fluß der wechselnden Meerestiefe sich stärker ausprägt.
Ganz verschieden davon sind die Grundlagen der Merzschen Karte, da
sie großenteils auf Hubmessungen auf offener See beruht und, zumal vielleicht
die Strömungen noch nicht genau genug bekannt sind, aus diesem Grunde den
beiden anderen vermutlich überlegen ist. Nun zeigt ein Vergleich, daß der Knoten-
punkt der südlichen Amphidromie etwa gelegen ist:
nach Defant!) in 55° 35’ N-Br., 6° 20’ O-Lg.,
Doodson „ 55° 34’ N-Br., 5° 40’ O-Lg.,
„ Merz „ 55° 42 N-Br., 5° 25’ O-Lg.
Eine bessere Übereinstimmung kann nicht erwartet werden, und damit
dürfte das Bild der Tiden in der südlichen Nordsee ziemlich sicher feststehen.
Anders die nördliche Amphidromie; ihr Knotenpunkt liegt etwa
nach Defant in 57° 46’ N-Br., 4° 8' O-Lg., ;
„ Doodson „ 58° 30’ N-Br., 5° 5’ O-Lg.
Nach Merz kommt diese Amphidromie nicht zur Ausbildung; man kann
jedoch seine Linien so auffassen, als ob ein (nur gedachter) Knotenpunkt in etwa
der gleichen Breite wie bei Doodson auf Land läge, eine Auffassung, die sich
auch theoretisch verteidigen läßt. Der Mangel an Beobachtungen an der Süd-
westküste Norwegens hat offenbar auch Doodson veranlaßt, die Amphidromie
nicht bis zur Küste auszudehnen, sondern es ungewiß zu lassen, in welcher
Richtung hier die Hochwasserzeiten fortschreiten. Immerhin besteht also, trotz
Verschiedenheit der Auffassungen im einzelnen, grundsätzliche Einigkeit, indem
der nördliche Knotenpunkt, wie es Doodson ausdrückt, noch mehr gegen die
östliche Umrandung strebt als der südliche Knotenpunkt. Es bedeutet auch, wie
hier schon wiederholt betont wurde, keinen wesentlichen Unterschied, wenn
Defant und, besonders deutlich, Merz von Interferenzen einer von Norden ein-
dringenden fortschreitenden Flutwelle mit der reflektierten sprechen, Doodson
dagegen stehende Schwingungen als die Grunderscheinung ansieht.
Andere Arbeiten, auf ähnlicher Grundlage ausgeführt, betreffen die Irische
See, deren Hubhöhen und Flutstunden in zwei Karten dargestellt werden. Auch
hier herrscht im ganzen eine gute Übereinstimmung mit den vor einer Reihe
von Jahren von Merz auf Grund der bis dahin bekannten Wasserstandsbeob-
achtungen entworfenen, bisher wohl kaum in weitere Öffentlichkeit gedrungenen
Gezeitenkarten der Irischen See, 2
Auch den unperiodischen, durch Wind und Luftdruck verursachten Wasser-
standsschwankungen hat das Tidal Institute seine Aufmerksamkeit zugewandt,
1) Der Knotenpunkt liegt bei Defant auf der Flutstunden- und Hubhöhenkarte (infolge eines
Versehens ?) etwas verschieden, ebenso auch der nördliche Knotenpunkt. Oben wurde im Hinblick auf
seine Tabelle im Text die Flutstundenkarte zugrunde gelegt.