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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 52 (1924)

33 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1924. 
nicht vergessen werden, daß beim Entwurf der Karten als Tidenkurve für alle 
Punkte eine einfache Sinuslinie angenommen worden ist. Wenn auf den Karten 
Abb. 1 und 2, Tafel 6, besonders für den westlichen Teil der nördlichen Nordsee 
die Hochwasserlinie für 0h bzw. 3b nach der Mondkulmination in Greenwich den 
Wellenkamm tatsächlich bezeichnet, so ist das zunächst auf die zugrunde gelegte 
vereinfachende Annahme zurückzuführen. Ob diese Identität „Hochwasserlinie = 
Wellenkamm“ auch bei Rekonstruktion des Naturvorganges mit Hilfe genauer 
Tidenkurven bestehen bleiben würde, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, 
Verfolgt man die Hochwasserlinien in der südlichen Nordsee und in den Hoofden 
(z. B. auf Abb. 2 die Linie von dem hubfreien Punkte östlich der Doggerbank 
bis zum Liimfjord oder auf Abb. 4 die Linie von Yarmouth bis zum „Drehpunkt“ 
in den Hoofden), so erkennt man jedenfalls, daß eine allgemeine Definition der 
Flutstundenlinie als Wellenkammlinie oder etwa auch als Linie stärksten Gefälles 
völlig unzulässig ist. Man darf eben in der Tat, wie Thorade am Schluß seines 
mehrfach erwähnten Aufsatzes zusammenfassend betont, den Flutstundenlinien 
durchweg keine strenge „morphologische“ Bedeutung beilegen, sondern sie nur 
als Linie gleichzeitigen Eintritts des höchsten Wasserstandes an den durch sie 
verbundenen Punkten ansehen. 
Gezeitenarbeiten des Tidal Institute in Liverpool. 
Von H. Thorade. 
Es zeugt von dem hohen Interesse, das seit etwas mehr als einem Jahr- 
zehnt sich der theoretischen Gezeitenforschung zuwendet, wenn 1919 in Liverpool 
ein Gezeiteninstitut gegründet wurde, das gegenwärtig wohl das einzige seiner 
Art ist. In der Februarnummer 1924 des Geogr. Journal (London) berichtet 
Dr. A. T. Doodson über bisherige Erfolge. Nachdem durch die Arbeiten von 
R. v. Sterneck und A. Defant über die Gezeiten in Kanälen einige Klarheit 
geschaffen ist, rückte naturgemäß die Nordsee als breites Randmeer in den 
Mittelpunkt, und so ist es nicht nur ein merkwürdiger Zufall, daß jetzt fast 
gleichzeitig drei Arbeiten über diesen Gegenstand erschienen sind. Neben die 
Flutstunden- und Hubhöhenkarten von A. Defant (diese Zeitschr., August 1923) 
und von A. Merz [Nordseehandbuch, Südl, Teil, Berlin 19231)] tritt nunmehr die 
Karte von Doodson, die, der Geographischen Gesellschaft in London im Oktober 
1923 vorgelegt, als so gut wie gleichzeitig mit den beiden anderen anzusehen 
ist: Um so lehrreicher ist ein Vergleich der Methoden und Ergebnisse. 
In einem geschichtlichen Rückblick verwirft Doodson die Karte Whewells 
(1836) wegen der ihr zugrunde liegenden Vorstellung einer fortschreitenden 
Welle, deren Geschwindigkeit von der Wassertiefe abhängt. Dagegen kann ein- 
gewandt werden, daß Whewells Karte, abgesehen von dieser fehlerhaften Grund: 
anschauung, in ihrem Linienverlauf den neuesten Auffassungen näher kommt als 
die meisten späteren. Ebensowenig ist Doodson von Harris’ Karte (1904) be- 
friedigt, die zwar mit stehenden Wellen rechne, den Tatsachen aber sonst nicht 
gerecht werde. In der Tat, so sehr Harris’ Einführung stehender Schwingungen 
ein Fortschritt ist, so könnte man sogar bezweifeln, ob seine sehr schematische 
Karte gegenüber derjenigen Whewells den Vorzug verdient, und man wird 
Doodson beipflichten, wenn er die Karte R. v. Sternecks (diese Ztschr. 1920, 
Taf, 12) als bahnbrechend für die neuere Anschauung ansieht, nach der die Nord- 
see (außerhalb der Hoofden) von zwei Amphidromien beherrscht wird, eine An- 
schauung, die sich durch die mathematischen Berechnungen G. J. Taylors (1922) 
(vgl. den Bericht Defants, diese Ztschr. 1923, S. 57ff.) bestätigt. 
. Um die wirklichen Flutstundenlinien zu finden, geht Doodson, ähnlich 
wie Defant, von den Strömungen der Nordsee aus. Während aber Defant die 
Nordsee in lauter quadratische Felder teilt und in jedem die durch die Zu- und 
Abflußströmungen hervorgerufenen Wasserstandsänderungen betrachtet, sich also 
1) Der Ges. £f. Erdk. in Berlin vorgelegt im April 1923.
	        
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