Schumacher, A.: Darstellung des Gezeitenvorganges in der Nordsee usw. 57
streckt, während die zweite von der holländisch-deutschen Küste aus nach Norden
abfällt. Die mittlere Nordsee nimmt ein Wellental ein, das außer der Haupt-
mulde vor der nordenglischen Küste eine Nebenmulde vor dem Skagerrak auf-
weist, das Gegenstück zu der sekundären Kuppe, die sich an dieser Stelle auf
Abb. 2 abzeichnet. In den Hoofden liegt dem schon erwähnten Wellenberg auf
der englischen Seite die Senke vor der holländischen Küste gegenüber.
Verfolgt man den Verlauf der eben abgegrenzten Wellenberge und -täler
über die einzelnen Karten, so entsteht für die nördliche und mittlere Nordsee
zweifellos der Eindruck einer südwärts fortschreitenden Welle, vor allem wenn
man die Betrachtung mit Abb. 4 beginnt und das Gebiet östlich von etwa
5° O-Lg. zunächst außer acht läßt. Ebenso vermittelt die Aufeinanderfolge der
vier Kartenbilder für die Hoofden einen übersichtlichen Eindruck: Eine ge-
neigte Fläche dreht sich — unter ständiger Deformation — entgegen dem
Uhrzeigersinne um einen ihrer Punkte als Festpunkt (d. i. der singuläre Punkt
der Amphidromie). Am bequemsten ist die Erscheinung an Hand der jeweiligen
Lage der Nullinie zu verfolgen. Die Drehung tritt am reinsten südlich des
Knotenpunktes hervor. Ein ganz ähnliches Bild der Veränderung des Wasser-
spiegels entsteht im südöstlichen Teile der Nordsee, besonders in der Deutschen
Bucht, von dem hubfreien Punkt gegen die holländische, deutsche und dänische
Küste hin. A, Merz sagt — wie schon oben einmal angeführt — in seiner Über-
sicht (a. a. O0. 31) von der ganzen südlichen Nordsee: „Die Gezeitenwelle läuft in
12h 25m entgegen dem Sinn des Uhrzeigers um einen Punkt am Ostende der
Doggerbank herum. Hier tritt also eine Drehwelle an Stelle einer einfachen
Wanderwelle.“ Der aus den Isohypsenkarten gewonnene Eindruck ist nicht ganz
so einfach. Das Gebiet vor der mittelenglischen Küste erscheint hier deutlich
als Übergangsgebiet zwischen den übrigen soeben besprochenen: den Hoofden,
der Deutschen Bucht und der Zone fast ungestörter fortschreitender Schwingung
im Norden, Die Isorhachienkarte täuscht hier m. E, eine zu große Übersichtlichkeit
der tatsächlichen Erscheinung vor. Andererseits bestätigen die Abb. 1 bis 4 die
Zweckmäßigkeit und Angemessenheit der Bezeichnung „Drehweile“, die A. Merz
für den Gezeitenvorgang in den Hoofden und in der südlichen (nach Ansicht
des Verfassers besser „in der südöstlichen“) Nordsee gewählt hat. Dies ist be-
sonders zu betonen, weil H. Thorades Bemerkungen über die Veränderungen
der Wasseroberfläche im quadratischen Becken und im rechteckigen Randmeere,
die vor dem Erscheinen des Nordseehandbuches geschrieben wurden und auf
Harris’ und Taylors theoretischen Unterlagen fußen, möglicherweise den Namen
„Drehwelle“ in Mißkredit bringen könnten, Die Anschauungen H. Thorades
sind in diesem Sonderfall m. E. zu sehr aus der Vogelperspektive gewonnen und
wesentlich darauf eingestellt, die Unzulässigkeit der Vorstellung „Flutstunden-
linie= Flutwellenkamm“ darzutun. Für einen Beobachter, dessen Auge sich in
einem der Knotenpunkte (hublosen Punkte) befindet, muß sowohl beim Betrachten
der Thoradeschen Blockdiagramme wie unserer Isohypsenkarten zweifellos der
schon oben ausgesprochene Eindruck entstehen, daß eine geneigte Fläche von
ständig wechselnder Gestalt sich im Laufe von 12 Tidenstunden um diesen ihren
ausgezeichneten Punkt dreht. Um diesen Vorgang knapp. zu kennzeichnen, ist
offenbar der Ausdruck „Drehwelle“ gut geeignet; man.darf ihn allerdings eben
nur allgemein beschreibend auffassen und mit ihm nicht eine so scharf um-
rissene analytische Vorstellung verbinden, wie etwa in der theoretischen Physik
mit dem Begriff der stehenden oder fortschreitenden Schwingung. — Vielleicht
empfiehlt es sich auch, in ähnlicher Weise die Bezeichnung „Wanderwelle“, die
A. Merz für die Tidenerscheinung in der nördlichen Nordsee benutzt, künftig
in der Gezeitenliteratur als rein beschreibenden Ausdruck für einen in der Natur
beobachteten Vorgang zu verwenden, den Begriff „fortschreitende Welle“ dagegen
nur in der, theoretisch-physikalischen Analyse — oder Synthese — der Gezeiten-
erscheinungen zu gebrauchen,
Die Isorhachien derjenigen Stunden, für welche die Isohypsenkarten gelten,
sind — wie in den Blockdiagrammen von’ H. Thorade — in den Abb. 1 bis 4
ebenfalls angegeben. Bei der Betrachtung dieser Hochwasserlinien darf jedoch