Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1924,
bis in die Deutsche Bucht und die Hoofden vordringt und hier von der nieder-
ländisch-deutschen Küste zurückgeworfen wird, In den Hoofden, dem südlichsten
Teil der Nordsee, ist außerdem die durch den Kanal eindringende Gezeiten-
schwingung von Einfluß. Zu der Wirkung dieser: Wellen tritt der Einfluß der
Erdrotation und der Reibung. Drei Gebiete lassen sich in der von A. Merz
gegebenen Karte (wie ja auch in Defants und Sternecks!) Darstellung) un-
schwer gegeneinander abgrenzen. In den Hoofden ist das Bild qualitativ das
altbekannte, das von Harris als Amphidromie der Flutstundenlinien infolge
Interferenz der von Norden kommenden Gezeitenwelle mit der Kanalwelle er-
klärt wurde, Als weitere Komponente tritt die von der holländischen Küste
zurückgeworfene Welle hinzu, der Merz anscheinend mindestens die gleiche Be-
deutung zumißt, wie der Kanalwelle. Desgleichen findet Merz die von St erneck
und Defant im Süden der eigentlichen Nordsee angenommene Amphidromie
durch seine Beobachtungen bestätigt?). Den Knotenpunkt derselben verlegt er
atwas südlich vom Nordostende der Doggerbank; die Erklärung ist die gleiche
wie bei Defant.
Für das Gebiet etwa nördlich der Linie Middelsborough—Hanstholm weicht,
wie schon angedeutet, die Darstellung im Nordseehandbuch von derjenigen der
österreichischen Forscher wesentlich ab. Die beiden letzteren nehmen bekannt-
lich auch hier eine Amphidromie an; das auf Greenwich bezogene Mondflut-
intervall nimmt also bei ihnen an der englischen Küste von Norden nach Süden,
an der norwegischen‘ Küste westlich von Kap Lindesnäs von Süden nach Norden
zu. Bei Merz dagegen streichen die Flutstundenlinien, ohne sich in einem
singulären Punkt zu schneiden, über die ganze nördliche Nordsee hinweg; es
entsteht der Eindruck, daß die Tiden hier ganz überwiegend von der einlaufenden
Nordwelle bestimmt werden. An Stelle des hublosen Punktes bei Sterneck und
Defant erscheint auf der Karte des Instituts für Meereskunde auf Grund der
Hubmessungen auf offener See vor dem Skagerrak ein Gebiet, in dem der Spring-
tidenhub 1m und mehr beträgt, und das sich dadurch von seiner gesamten
näheren Umgebung, die nur 0.5 m Springtidenhub aufweist, in eigentümlicher
Weise abhebt. Die Erklärung sieht Merz darin, daß sich hier der Wellenberg
der an der deutschen Küste zurückgeworfenen Nordwelle mit deren nächst-
folgendem Wellenberg addiert. Unter der norwegischen Küste treffen die beiden
Schwingungen in entgegengesetzter Phase aufeinander, so daß hier, wie bekannt;
der Tidenhub sehr klein wird. Eine Amphidromie kommt aber infolge der stark
verminderten Amplitude der reflektierten Welle nicht mehr züstande*).
Der Verlauf der Isorhachien bei A, Merz stimmt für die nördliche Nordsee mit der An-
schauung überein, die Whewell in seiner Karte der „cotidal lines‘ von 1836 niedergelegt hat*). Da
auch die etwas gestörte Amphidromie in der südlichen Nordsee und ebenso die speichenförmige An-
ordnung der Flutstundenlinien in den Hoofden auf der alten englischen Karte bereits angedeutet ist
(die Annahme eines hubfreien Punktes in den beiden eben genannten Meeresteilen wird klar aus-
yesprochen — siehe das weiter unten folgende Zitat), so ist die qualitative Übereinstimmung unter
diesen Karten von 1836 und von 1923 geradezu überraschend. Ebenso ist es von geschichtlichem
Interesse, die rein beschreibenden Bemerkungen, in denen A, Merz den Eindruck auf Grund des ge-
Vgl. diese Zeitschrift 1920, S. 396 ff. und Tafel 12,
‚ Vgl. auch schon diese Zeitschrift 1921, S. 398.
3) Die Hauptursache dieses einschneidenden Unterschiedes zwischen den Auffassungen von
Merz und Defant-Sterneck wird man in der Schwierigkeit suchen müssen, welche die Bewertung
der Pegelaufzeichnungen an der norwegischen Küste zwischen Kap Lindesnäs und Stavanger bereitet.
Erstens erschwert der geringe Tidenhub (0.3 bis 0.6 m Springtidenhub) die Bestimmung der Hoch-
and Niedrigwasserzeiten, zweitens aber wird bei der Zerrissenheit der Küste die Lage der Pegel von
ganz wesentlicher Bedeutung sein; die wenigsten werden, weil praktischen Zwecken dienend, „Außen-
stationen“ an der offenen Küste sein. Bei den mannigfachen Störungen der Gezeiten in den Schären
wird es sehr schwer halten, die gefundenen Mondflutintervalle untereinander zu vergleichen, Die
Verwendung von Hubbeobachtungen von der offenen See ist daher zunächst als wesentlicher grund-
gätzlicher Vorzug der Merzschen Darstellung zu verzeichnen.
4) Researches on the Tides, VI, Series. On the Result of an extensive system of Tide Obser-
vations made on the coasts of Europe and America in June 1835. Phil. Transactions 1836, S, 289 ff. —
Diese nach dem Urteil von A, Merz (Ann. d. Hydr. 1921, S. 393) „bis in die allerletzte Zeit unüber-
iroffene“ Karte Whewells gab z. B. (allerdings in der von Airy entstellten Fassung) Krümmel
noch 1904 seiner Abhandlung über die deutschen Meere bei (Veröff, Inst, f. Meereskunde, Heft 6,
Berlin 1904, S. 18).
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