Thorade, H.: Flutstundenlinien und Flutwelle,
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in einem mäßig breiten Kanal, infolge der hin- und hergehenden Gezeiten-
strömungen, das Wasser bald gegen das eine, bald gegen das andere Ufer ge-
drängt und so eine Querschwingung hervorgerufen wird, deren Interferenz mit
der Längswelle sich im Entstehen von Amphidromien äußert. Erst in neuester
Zeit ist es G.J. Taylor (1922) gelungen, die von Lord Kelvin angegebene
Lösung auf beliebig breite Randmeere zu erweitern; vgl. den Bericht A. Defants
d. Ztschr. 1923, S. 57 und Taf. 2, wo etwa die Größen- und Tiefenverhältnisse
der Nordsee zugrunde gelegt sind. In solchen, durch die Erdrotation hervor-
gerufenen Amphidromien (Harris’ „Channel eddies“) liegen die Verhältnisse
etwas anders als im obigen 2. Beispiel, Denn die Stärke des Anstaus, den die
Erdumdrehung hervorruft, hängt von der Geschwindigkeit der Längsströmungen
ab, und da diese in einer Welle nicht überall dieselbe ist, so wird auch die Hub-
höhe der Querschwingungen an verschiedenen Punkten des Kanals verschieden
sein, anders als im‘ „Ocean eddy“. Es erschien von Interesse, auch hier die
Veränderungen der Wasseroberfläche von Tidestunde zu Tidestunde zu verfolgen,
und so sind unter Zugrundelegung der von Taylor gegebenen Darstellung der
Flutstunden- und Hubhöhenlinien, wie sie Defant in der genannten Arbeit,
Abb. 5, wiedergibt, die Nr. 4—7, Taf. 3, entworfen, deren Darstellungsform die
gleiche wie diejenige der Nr. 2 und 3 ebenda ist, nur daß die Schichtlinien für
je 20 cm Höhenabstand gezogen sind. Der Augenschein zeigt, daß hier, wo noch
die Wechselwirkung zweier Amphidromien, einer südlichen und einer nördlichen,
hinzutritt, ebensowenig wie oben eine Übereinstimmung von Flutstundenlinien
und Wellenkämmen zu verzeichnen ist; von umlaufenden Wellenbergen könnte
höchstens mit Bezug auf den zwischen beiden Amphidromien liegenden Punkt,
in dem sich in Nr. 7 die Flutstundenlinien schneiden, gesprochen werden, kaum
aber mit Bezug auf die beiden Mittelpunkte selbst; doch der genannte Punkt
besitzt starken Tidenhub. Die Beziehung zu den Knotenlinien bleibt bestehen,
weil nur eine Tide, die M,-Tide berücksichtigt ist, was beiläufig manche Ab-
weichungen vom beobachteten Verlaufe der Nordseetiden erklärt. Die Strömungen
können aus den‘ Karten Defants entnommen oder aus Taylors Darstellung
(Fig. 2 der von Defant angeführten Arbeit) entwickelt werden.
Was den Entwurf der Schichtlinien anlangt, so war hier ihre graphische
Ermittlung einfacher als die mathematische Berechnung. Die sich kreuzenden
Systeme der Flutstundenlinien und der Linien gleicher Hubhöhe (Abb. 5 der er-
wähnten Arbeit Defants) ermöglichen es, für jeden Schnittpunkt den Wasser-
stand zu jeder Tidestunde zu berechnen, indem als Tidekurve eine Sinuslinie
anzunehmen ist; man erhält auf diese Weise genügend viele Punkte, um Linien
gleicher Wasserhöhe hindurchzulegen, Dies Verfahren läßt sich leicht auf alle
Gewässer anwenden, von denen Karten der Flutstunden- und Hubhöhenlinien,
und im Falle unregelmäßiger Tiden auch die Tidekurven vorhanden sind‘).
Zusammenfassung. Es bedarf also einer besonderen Konstruktion, um aus
Flutstunden-, Hubhöhenlinien und Tidekurven ein Bild der Wellenfläche abzu-
leiten. Die Flutstundenlinien allein genügen hierfür nicht. Sie vermitteln keine
Anschauung von der Oberflächenform des Wassers, denn sie fallen nur in seltenen
Ausnahmen mit den Wellenkämmen zusammen. Wenn ein Ort Hochwasser hat,
so darf man hieraus im allgemeinen nicht schließen, daß in diesem Augenblick
der Wellenkamm an ihm. vorbeigeht.
') Derartige Karten hat übrigens A. Schumacher für die Nordsee auf Gründ der in Anm, 1
d.; Verf, erwähnten Karten von A. Merz entworfen. Leider war es nicht mehr möglich, sie noch in
diesem Heft zu veröffentlichen. D. Schrift.