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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 52 (1924)

28 ‘ Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1924, 
begnügt, sucht Defant unter Berücksichtigung der wechselnden Tiefe der Gewässer 
den Verlauf der Gezeiten in schmalen Kanälen und neuerdings auch in einem 
breiten Gewässer, wie die Nordsee, hier von den vorhandenen Strömungskarten 
ausgehend (diese Zeitschrift 1923, S. 57 und 177), im einzelnen hydrodynamisch 
zu berechnen. 
Diese letzere Untersuchung sucht beiläufig, im Gegensatze zu den früheren, 
die Gezeiten als Interferenzen fortschreitender, nicht stehender, Wellen zu er- 
klären und bestätigt damit die bereits hier (d. Ztschr. 1921, S. 100) vertretene 
Anschauung, daß die alte Frage, ob die Gezeiten aus fortschreitenden oder aus 
stehenden Wellen zu erklären sind, keine grundsätzliche, sondern eine Zweck- 
mäßigkeitsfrage ist. Wenn nun auch z.B. eine künftige Neubearbeitung der 
Strömungen der Nordsee, eine genauere Erfassung der Tidenkurven und des 
Einflusses der Reibung das Defantsche Bild in Einzelheiten ändern könnten, so 
ist es doch wahrscheinlich, daß die Hauptzüge wenigstens in der südlichen Nord- 
see so bleiben werden. Aber dies zu entscheiden, muß künftigen Beobachtungen 
vorbehalten bleiben; die theoretische Erforschung der Nordseegezeiten dürfte je- 
doch einen gewissen Abschluß erreicht haben, und daher mag es gestattet sein, 
über die Bedeutung der Flutstundenlinien einige Bemerkungen zu machen. 
Whevwell ist wohl der erste gewesen — von seinen Vorgängern kann hier 
abgesehen werden —, der 1833 einen Vorversuch machte, in größerem Umfange 
Flutstundenlinien, d. i. Linien gleicher Hochwasserzeit, zu entwerfen; er ließ 1836 
verbesserte Karten folgen, die geradezu erstaunlich modern anmuten, aber das 
Mißgeschick gehabt haben, wenig beachtet zu werden, weil er später (1848)!) 
Teile seiner ersten Karten von 1833 widerrufen hat. Er glaubte im Vorrücken 
der Flutstundenlinien von Stunde zu Stunde das Fortschreiten des Flutwellen- 
kammes zu erblicken, der, für uns als Teil der riesigen Welle nicht wahrnehmbar, 
etwa einem weit außerhalb der Erde befindlichen Beobachter so erscheinen möchte, 
und diese Ansicht ist noch vielfach herrschend. Allerdings hat schon Airy, ob- 
wohl er in dem Entwurf der Flutstundenlinien den größten Fortschritt für die Lehre 
von den Gezeiten der Ozeane sah, darauf hingewiesen, daß es beim gegenseitigen 
Durchkreuzen zweier fortschreitender Wellen kaum möglich sei, aus den sich er- 
gebenden Flutstundenlinien rückwärts auf die ‚erzeugenden beiden Wellen zu 
schließen, eine Schlußfolgerung, die von Börgen nur wenig gemildert ist. Im 
folgenden soll an einigen einfachen Beispielen untersucht werden, wie sich Flut- 
stundenlinie und Wellenkamm zueinander verhalten. 
1. Enger Kanal. Wenn die Flutwelle nicht mehr eine einfache fortschreitende 
oder stehende ist, wird der nächst einfache Fall darin bestehen, daß zwei Wellen- 
systeme gleicher Richtung sich miteinander vereinigen. Um diesen Fall zu be- 
trachten, sei angenommen, daß ein trogförmiger, gerader Kanal von gleich- 
förmigem, rechteckigem Querschnitt zunächst an einem Ende geschlossen 
sei und am anderen mit einem von Gezeiten bewegten Meere in Verbindung 
stehe; der Kanal sei so schmal und tief, daß von der Wirkung der Erdumdrehung 
abgesehen werden kann. Dann?) setzen sich die Tiden im Kanal zusammen aus 
einer selbständigen Gezeit des Kanals und einer von außen eindringenden Mit- 
schwingungsgezeit. Nur in Ausnahmefällen werden sich beide zu einer einfachen 
stehenden Welle vereinigen; in der Regel wird eine Mischform zwischen stehender 
und fortschreitender Welle entstehen, und die Flutstundenlinien werden quer zum 
Kanal laufende gerade Linien sein. In Taf. 3, Nr. 1, sind Längsschnitte durch 
die Wasseroberfläche (stark überhöht) für eine Reihe von Mondstunden (alle 
Stunden im folgenden sind Mondstunden) dargestellt unter der Annahme, daß die 
beiden Tiden gleich hoch sind, einen Gangunterschied von vier Stunden haben, 
daß an der Mündung des Kanals um 12h Hochwasser eintrete, und daß seine 
Länge = ?%/, der freien Wellenlänge sei. Die Abbildung zeigt, daß die Orte 
A, B, C... um 12%, 1%, 2h,,, Hochwasser haben, daß also hier die 12b., 1b-, 2b. 
Flutstundenlinien verlaufen, daß aber der Wellenkamm sich gleichzeitig in A’, B',C’... 
) Phil. Trans. Roy. Soc. London. 1836 bzw. 1848. 
2) Vgl. A. Defant, Unt. üb. d. Gezeitenersch. usw., L-—111. Teil, Wien 1919, S, 36 u. 37, 
'n- A d#& Denkschr. d. Ak. d. Wiss... Wien, Math.-Nat. Kl., Bd. 96.
	        
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