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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 52 (1924)

274 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1924, 
harson’s und Barnes’), oder, im entgegengesetzten Falle, die Annahme einer 
Unmöglichkeit von Eisbildung in situ, am Grunde, wohin es augenscheinlich 
durch Zuführung von der Oberfläche gelangen soll (nach Ansicht Gay-Lussac’s 
und Aitken’s). 
Um die Unhaltbarkeit beider Ansichten augenscheinlich zu machen, wurde 
ein Versuch der künstlichen Reproduktion primärer Grundeisschicht auf der 
Oberfläche von im Wasser befindlichen Gegenständen gemacht; z. B. auf Steinen, 
unter Bedingungen, welche einerseits die Möglichkeit einer Wärmeausstrahlung 
vom Grunde und anderseits die Zuführung von Eis von der Oberfläche absolut 
ausschlossen. Diese Versuche, welche zu einem bestimmten und positiven Resultat 
führten, lassen keinen Zweifel zu, daß man die Bildung des Grundeises weder 
in der Wärmeausstrahlung, noch in seiner Zuführung von der Oberfläche 
suchen darf. 
Außerdem zieht weder die eine noch die andere Ansicht den Hauptfaktor 
in Betracht, welcher jedoch der grundlegende und entscheidende im Eisproblem 
ist: der allgemeine Wärmeverlust des Wassers. Dieser Faktor ist aber in der 
Anfangsperiode der Eisbildung großen Schwankungen ausgesetzt, welche nicht 
nur von dem Zusammentreffen meteorologischer Faktoren abhängig ist, sondern 
auch vom Zustande der Oberfläche der Wasserläufe, dem Entwicklungsstadium 
der Eisdecke, welche einen ausgezeichneten Wärmeschutz vorstellt. Deshalb 
kann der erwähnte Umstand nicht ohne Einfluß auf den Charakter des HEis- 
prozesses bleiben, und allem Anschein nach ist er der Urheber einiger Eigen- 
sümlichkeiten des letzteren; wie z. B. des seltenen Auftretens von Grundeis in 
einigen Fällen und das häufige zeitweilige Auftreten desselben in anderen 
Fällen. So sind in der Newa im Petersburger Rayon in den letzten 30 Jahren 
nur zwei Fälle von grandioser Grundeisbildung beobachtet worden, welche eine 
Unterbrechung der Wasserversorgung der Stadtbewohner nach sich zog: die 
erste am 8. Dezember 1894, die zweite am 14. Dezember 1914. 
Die Analyse sämtlicher Bedingungen, unter welchen die beiden Fälle!) 
stattfanden, führt zu dem Schlusse, daß nur das seltene, nur in den zwei er- 
wähnten Jahren vorgekommene Zusammenfallen außergewöhnlich günstiger Um- 
stände einen besonders mächtigen Wärmeverlust des Flusses ermöglicht hat; 
und zwar einerseits, dank dem Zusammentreffen günstiger meteorologischer 
Faktoren (niedrige Temperatur der Atmosphäre, scharfer Wind und klare Nacht), 
welche einen starken Eisgang auf dem Flusse verursachen; anderseits dank dem 
plötzlichen Freiwerden des Flusses infolge von Eisstauung, welche gerade am 
Vorabende des selten vorkommenden Gefrierens des Flusses von unten herauf 
stattfand. Unter solchen Bedingungen, infolge der Prädisposition des Flusses 
für Eisabsonderung, welche in beiden Fällen durch vorhergehende anhaltende 
Eisperioden begünstigt wurde, konnte das Wasser im Flusse in einen leicht 
überkühlten Zustand gelangen und in Anbetracht des mächtigen Wärmeverlustes 
überall, innerhalb und hauptsächlich auf der Oberfläche von Gegenständen, 
welche sich unter Wasser befanden, und auf Erhöhungen am Grunde reichlich 
Eis ablagern. | 
Die Vereinigung dieser Umstände tritt in der Newa im Rayon der Iwanov- 
schen Stromschnellen im Gegensatz zu dem Petersburger Rayon alljährlich auf. 
Dort ist die Bildung von lockerem Eis am Grunde eine gewöhnliche Erscheinung, 
welche sehr oft, beinahe während des ganzen Winters, solange die Stromschnellen- 
gebiete des Flusses eisfrei sind, beobachtet wird. Nicht grundlos zieht sich die 
von allen Beobachtern betonte Tatsache der Abwesenheit von Eis auf der Ober- 
fläche, wenn es sich am Boden bildet, als roter Faden durch die ganze Literatur 
über das Grundeis. 
Diesem sehr wichtigen Umstande wurde jedoch keine Bedeutung beige- 
messen und seine Rolle blieb unaufgeklärt. Außerdem ist zu bemerken, daß die 
freie Oberfläche des Wassers, indem sie bei Gegenwart günstiger meteorologischer 
Faktoren einen besonders starken Wärmeverlust bedingt, gerade zur Bildung, 
y W. Altberg, Bull. des Russischen Hydrologischen Instituts, 1922, Nr. 1, 8. 7.
	        
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