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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 52 (1924)

Kleinere Mitteilungen. 
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Kleinere Mitteilungen. 
1. Aus der Praxis des Hamburger Flughafen-Meteorologen. (Tage- 
buch-Auszüge.) 1. 30. Mai 1924. Nebel über Mittelseeland. Wetterlage 
morgens: Teiltief über südlicher Nordsee, schnell nordostwärts ziehend. Laaland, 
Südseeland und Kopenhagen melden mittags gute Sichtverhältnisse; kein Nebel. 
Da ich keine Bedenken gegen den Flug habe, startet Smirnoff mittags. . Südlich 
von Kopenhagen trifft er bei Kjöge auf dichten Nebell) und muß notlanden. 
Zur gleichen Zeit in Kopenhagen noch beste Sicht; um 5h setzt auch dort der 
Nebel ein. 
Um 51/,h Nm. soll Noack von Hamburg nach Kopenhagen fliegen. Ich weise 
auf den augenblicklichen Zustand hin und füge hinzu: „meines Erachtens kann 
der Flug gleichwohl stattfinden, da das um 2% Nm. über dem Kattegatt liegende 
Tief schnell nordostwärts zieht und die vielfach frischen Südwestwinde auf 
seiner Südseite die Nebel verjagt haben dürften, wenn Sie auf Seeland an- 
kommen.“ Die Flugleitung entschließt sich, Noack starten zu lassen — da trifft 
aus Kopenhagen von der Direktion der dänischen Fluggesellschaft die Weisung 
ein, er solle hier bleiben. 
Nachtrag: um 7h Nm. war der Nebel über Seeland verschwunden; Smirnoff flog von Kjöge 
weiter nach Kopenhagen; Noack hätte also auch fliegen können, Da am folgenden Vormittag Nebel 
den Start ausschloß, konnte er erst nach dessen Auflösung am Nachmittag fliegen, also volle 
24 Stunden später! — Ob die Kopenhagener Anweisung unter dem Eindruck des örtlichen Nebels er- 
gangen ist oder ob innere Betriebsangelegenheiten sie veranlaßt haben, entzieht sich meiner Kenntnis. 
2. 20. Juni. Startverschiebung. Morgens schwaches Druckgefälle im 
Flugbereiche; geringe Bewölkung; Bülk (Kieler Bucht), Marienleuchte (Fehmarn) 
und Kopenhagen melden Nebel. — Ich rate, den Flug nach Kopenhagen (Soll- 
start 9h Vm.) aufzuschieben. Gegenfrage der Flugleitung: „Wie lange?“ — „Ich 
erwarte, daß bei der geringen Bewölkung unter dem Einfluß der Strahlung die 
Nebelauflösung schon nach einer Stunde einsetzen wird.“ — Anfragen bei 
Travemünde und Südlaaland bestätigen die Vermutung. Start um 10h Vm. 
3. 21. Juni. Einfluß des Erdbodenzustandes auf Start und Landung. 
Der Lindenberger „Postämter-Schlüssel‘“ für die Flugstrecken-Sicherung sieht im Gegensatz 
zu dem „Internationalen Schlüssel“ auch Beobachtungen und Meldungen über den Erdbodenzustand 
vor. Wie wichtig dieser Zustand unter Umständen für Start und Landung sein kann, zeigt einer der 
heutigen hiesigen Abflüge. 
Ungünstiges Flugwetter von Rotterdam bis Kopenhagen: ©%°, [<°, schlechte 
Sicht, sehr niedrige Wolken; nach der Wetterlage keine Aussicht auf baldige 
Besserung. — Noack hat, von Rotterdam kommend, in Hannover vielfach in nur 
20—50 m Höhe fliegen können, um den brauchbarsten Wegweiser, das Eisenbahn- 
geleise, nicht aus dem Auge zu verlieren. Er warnt den zum Abflug nach 
Rotterdam bereitstehenden Smirnoff vor dem gefahrvollen Fluge, erreicht hiermit 
aber offensichtlich das Gegenteil, zumal er selbst trotz des scheußlichen Wetters 
nach Kopenhagen weiterfliegen will, — Beitrag zur Fliegerpsychologie! Smirnoff 
lraut sich selbst den Flug zu; die Flugleitung erwartet nunmehr den für ihre 
Entscheidung ausschlaggebenden Rat des Meteorologen. 
Es ist der erste schwere Fall in meiner Praxis, und plötzlich wirft sich das Gefühl der Ver- 
antwortlichkeit mit seiner ganzen Wucht auf mich. Fragen, Erwägungen wirbeln durch den Kopf, 
ohne sich im Augenblick zu klaren Ansichten zu verdichten: Ist eine rein „,objektive‘‘ Wetterschilderung 
und eine „objektive“ Beratung überhaupt möglich? Wessen Interesse habe ich eigentlich zu vertreten? 
Die Fluggesellschaft muß, wenn irgend möglich, starten lassen; wird der Flugplan nicht eingehalten, 
so verliert die Öffentlichkeit das Vertrauen zur Sache, und das Unternehmen lohnt nicht; in gleicher 
Richtung wirken anderseits Unglücksfälle und Sachschäden. -— Die Fluggäste wollen Zeit gewinnen; 
das ist für sie das maßgebende; andernfalls würden sie mit der Bahn fahren; das Risiko bei solchem 
Wetter ist auch ihnen klar, aber — — wenn nun was passiert! 
„Der. Flug ist gefahrvoll aus den und den Gründen; Noack hat ihn ge- 
leistet; da Smirnoff selbst fliegen will, rate ich nicht ab.“ 
Smirnoff startet, und nun tritt, für alle Beteiligten unerwartet, der Zustand 
des Bodens in Wirksamkeit. Das Einsinken der Räder in die durchnäßte Erde 
Vel. Seilkopf: „Luftverkehrsberatung usw.“, Ann. d. Hvdr. usw. 1924, S. 133, Abs. 3.
	        
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