Mey, A.: Die Wetterwarte Königsberg i. Pr.
231
1. Seewetterdienst und Sturmwarnungswesen. Auf Grund der Morgenwetter-
karte wird täglich ein „Hafentelegramm*“?) ausgefertigt, das am Vormittag durch
die Post auf dem Drahtwege verbreitet und in den Hafenplätzen‘ ausgehängt
wird. Eine ähnliche Zusammenstellung wird der Marine-Funkstation in Pillau
fernmündlich übermittelt und von dieser als „Funkwetter“?) um 12% Nm. mit
Welle 600 auf See hinaus gefunkt. An dem Windsemaphor bei Pillau werden
Windrichtung und -stärke der Stationen Leba (Stilo) und Brüsterort nach den
telegraphisch übermittelten Beobachtungen um 6h Vm.,, 11h Vm,, 2b Nm,, 5 Nm,
und 7b Nm. angezeigt.
Sobald Windstärken 6 bis 7 zu erwarten sind, erläßt die Wetterwarte eine
Windwarnung, vor voraussichtlichem Sturm eine Sturmwarnung, die sofort durch
das Telegraphenamt nach festliegendem Verteilungsplane an 26 Sturmwarnungs-
stellen?) der ostpreußischen und Memelgebiets-Küste verbreitet und dort durch
Aufziehen von entsprechenden Signalen an den Sturmwarnungsmasten sowie
durch Aushang der Warnungstelegramme bekanntgegeben wird. Seit dem
15. März d. J. geschieht die Verbreitung der Warnungen auch während der
Nacht, und zwar durch Scheinwerfersignale der Marine-Nachrichtenstelle Pillau.
Werden auf diese Weise die im Hafen befindlichen Schiffe und die in Küsten-
nähe fischenden Boote gewarnt, so geschieht zur Bekanntgabe an die auf der
östlichen Ostsee fahrenden Schiffe die Verbreitung der Warnungen wiederum
durch die Marine-Funkstation Pillau sofort nach telephonischer Übermittlung
von der Wetterwarte sowie im Anschluß an das „Funkwetter“.
2. Der öffentliche Wetterdienst. Ihm liegt die Versorgung der Provinz mit
Wetternachrichten und Vorhersagen ob. In erster Linie soll er den Bedürfnissen
der Landwirtschaft nach Wetterankündigungen gerecht werden, indessen sind es
nicht nur diese, sondern auch noch viele andere Wirtschaftskreise, welche Interesse
an der möglichsten Kenntnis des kommenden Wetters haben. Ihnen allen wird
mit der durch jedes Postamt zu beziehenden Wetterkarte ein Mittel an die Hand
gegeben, sich über die allgemeine Wetterlage zu unterrichten und durch Be-
urteillung von deren Weiterentwicklung sowie durch .eigene Beobachtungen
selbständig Vorhersagen zu machen. Die im Vervielfältigungsverfahren her-
gestellte Wetterkarte gibt die Luftdruck- und Temperaturverteilung von 8 Uhr
morgens, sowie den zu dieser Zeit an den einzelnen Beobachtungsstationen
herrschenden Witterungszustand wieder. In einem darunter gesetzten Text wird
diese Wetterlage hinsichtlich ihrer Ausbildung seit dem Vortage und ihrer ver-
mutlichen Weiterentwicklung beschrieben und daran eine Vorhersage für den
nächsten Tag wie auch für die darauffolgenden, etwa zwei, Tage geknüpft. Da
eine telegraphische Verbreitung der täglichen Vorhersage, wie sie früher statt-
fand, jetzt nicht mehr möglich ist, war die Erweiterung des Vorhersagezeitraums
auf mehrere Tage notwendig, um die zwar schon 11'/„ Uhr vormittags heraus-
gegebene, aber meist erst im Laufe des nächsten Tages an ihren Bestimmungs-
orten in der Provinz anlangende Wetterkarte für den Bezieher noch wertvoller zu
erhalten. Man wird nach den bisherigen Erfahrungen sagen dürfen, daß diese
langfristigere und für die Wirtschaft um so wertvollere Prognose den Witterungs-
charakter des von ihr umspannten Zeitraums im allgemeinen gut erfaßt, Die
Wetterkarte gibt ferner eine tabellarische Zusammenstellung des Witterungs-
verlaufs an sieben Orten der Provinz Ostpreußen und die Wasserstände in den
Unterläufen von Weichsel, Pregel und Memel. Der Ausfall der telegraphischen
Vorhersageverbreitung wird neuerdings zum Teil wettgemacht durch eine Wetter-
übersicht und Wettervorhersage für den nächsten Tag, die allabendlich gegen
91, Uhr im Anschluß an das Unterhaltungsprogramm des Ostpreußischen Rund-
funksenders funkentelephonisch verbreitet wird. Diese auf die Abendwetter-
meldungen gestützte Vorhersage überbrückt in glücklicher Weise den Zeitraum,
der zwischen Absendung und Empfang der Wetterkarte liegt und hat als kurz-
2) Über den Inhalt dieser Zusammenstellungen siehe R. Benkendorff, Organisation und
Arbeiten des Wetterdienstes der Deutschen Seewarte für Schiffahrt und Fischerei, Diese Ztschr.
Heft V, S. 102 bis 107,
3) Ein Verzeichnis der Sturmwarnungsstellen siehe ebenda S. 106 (Gruppe I).