accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 52 (1924)

Altberg, W.: Die physikal. Bedingungen der Eisbildung auf dem Grunde von Flüssen u. Seen, 9227 
der Tatsache der Bildung großer durchaus reiner und durchsichtiger Eisplatten 
am Grunde usw., auch läßt die Theorie viele unbegreifliche Fragen unbeantwortet. 
Da die beiden Ansichten unbegründet sind und ausschließlich auf willkür- 
lichen Voraussetzungen basieren, außerdem nicht einmal durch Versuche geprüft 
worden sind, sondern sogar in augenscheinlichen Widerspruch zu denselben 
stehen, muß man beide Erklärungen als ungenügend und unannehmbar ansehen. 
Deshalb waren die Experimente im Laboratorium und das Unternehmen von 
speziellen Beobachtungen und Untersuchungen in der freien Natur unerläßlich, 
um einen richtigen Weg zum Verständnis dieser eigenartigen Erscheinung 
zu finden. _ 
Der Übergang aus dem flüssigen in den festen Zustand geht tatsächlich 
bei einer Temperatur vor sich, welche dem Schmelzpunkte nicht absolut gleich 
ist, sondern bei einer etwas niedrigeren. In bezug auf das Wasser war dieses 
durch unmittelbare Versuche im Laboratorium des Observatoriums festgestellt 
worden und durch von demselben organisierte, genügend genaue Messungen der 
Temperatur des Wassers im Flusse bestätigt. N 
Es erwies sich, daß der Eisbildung durchaus ein Übergang des Wassers 
in einen, wenn auch unbedeutend überkühlten Zustand vorausgehen muß. Die 
Hauptbedingungen für die Möglichkeit eines solchen Überganges sind, im Gegen- 
satz zu der allgemein angenommenen Ansicht, durchaus nicht eine allmähliche 
Abkühlung und ein ruhiger Zustand des Wassers, sondern das Verhüten seiner 
Berührung mit einer festen Phase. Bei Erfüllung der letzten Bedingung kann 
das Wasser, sogar solches, welches sich in starker oder sogar stürmischer Be- 
wegung befindet, immer in einen überkühlten Zustand versetzt werden, sogar 
um einige Grade unter 0°, und nach Belieben, sehr rasch, im Verlauf einiger 
Minuten !). N 
Anderseits haben sorgfältige Versuche gezeigt, daß die Überkühlung nicht 
nur bei Abwesenheit der festen Phase erreicht wird, sondern ebenfalls bei Vor- 
handensein derselben, nur mit dem Unterschiede, daß der Effekt im letzten Falle 
außerordentlich klein war (sie wird gewöhnlich in Hundertstel oder sogar in 
Tausendstel eines Grades gemessen). Überhaupt kommt das Wasser, welches sich 
im Vorbereitungsstadium zur Eisabsonderung befindet, allem Anschein nach 
immer jn einen leicht überkühlten Zustand, unabhängig davon, ob eine feste 
Phase vorhanden ist oder nicht. So ein Zustand kann in Flüssen (siehe unten), 
ebefiso wie in den dem Frost ausgesetzten Reservoiren mit bewegtem Wasser 
im Verlauf von mehreren Stunden erhalten werden, ungeachtet des Vorhandenseins 
von vielen Eisteilchen und der ständigen Bildung neuer Portionen von Eis mit 
entsprechendem Freiwerden latenter Wärme. 
Die obenerwähnten Folgerungen, welche auf Versuchen im Laboratorium 
basieren und, wie wir später sehen werden, durch Beobachtungen im Freien 
bestätigt wurden, stellen eine notwendige und wichtige Ergänzung der von 
Blagden längst festgestellten Gesetze der Überkühlung dar, eine Ergänzung, 
welche in einige Eigentümlichkeiten des Eisprozesses Licht bringt. Nach 
G. Tammanns?) Ansicht vollzieht sich der Übergang einer Substanz aus einem 
unbeständigen Zustand in einen beständigeren nicht sofort in der ganzen Masse, 
sondern bloß an einigen Punkten, um die sich hier bildenden Kristallisations- 
zentren, deren Anzahl von der Überkühlung abhängt. 
Bei sehr schwacher Überkühlung nehmen die Kristallisationselemente in 
Anbetracht der Ausgleichung aller Geschwindigkeitsvektoren der Kristallisation 
eine. rundliche. Form.an. In betreff des Wassers sind diese Grundsätze durch 
unsere Versuche bestätigt worden. Bei sehr kleinen Überkühlungen (einem Hun- 
dertstel eines Grades) stellen die Eiselemente tatsächlich kleine, ganz runde, 
durchsichtige Plättchen _ dar . (vgl. nachstehende Photographie). Die ununter- 
brochene Entstehung der erwähnten Eiselemente im Wasser und auf der Ober- 
fläche der Wände und des Bodens des Gefäßes und sein weiteres Anwachsen (bei 
ı) W. Altberg und M. Penkewitsch, Iswest. d. Phys. Zentr.-Obs. 1920 Nr. 2 8. 21. 
?) G. Tammann, Aggregatzustände, Leipzig 1922 $S. 217.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.