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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Oktober 1924,
Im Jahre 1917 wurde in Schottland fast überall‘ die Bildung von Grundeis
beobachtet, welches in einer ganzen Reihe von Städten und Rayons eine Unter-
brechung der Wasserversorgung nach sich zog. Nach diesem Falle erschienen
in englischen Zeitschriften zwei dieser Frage gewidmete Artikel. Im ersten!)
wird neben der Beschreibung aller Einzelheiten des erwähnten Falles eine unvoll-
kommene Übersicht des damaligen Standes dieser Frage gegeben, wobei die
russischen Beobachtungen überhaupt nicht erwähnt werden, Im zweiten Artikel
führt Dr. Aitken?) seine Versuche und die von ihm gegebene Erklärung dieser
paradoxen Erscheinung an,
In betreff der Art der Erscheinung existieren zwei Ansichten, welche ein-
ander ausschließen. Der einen gemäß (Farquharson, Barnes) ist die Bildurfg
von Eis am Grunde wohl möglich und bildet sich in sitw infolge der möglichen
Abkühlung des Grundes, welche durch Wärmeausstrahlung durch das Wasser
in den Himmelsraum hervorgerufen wird. Diese Ansicht war in Europa über-
wiegend (in Rußland ebenfalls), doch besonders in Amerika vertreten. Die zweite
Ansicht (Gay-Lussac und Aitken) läßt die Möglichkeit der Eisbildung am
Grunde in situ nicht zu, sondern erklärt sein Erscheinen ausschließlich durch
Zuführung von Eis von der Oberfläche aus. Es ist charakteristisch, daß sogar
die Frage, ob sich Eis überhaupt am Grunde bilden kann, bis jetzt nicht als
endgültig gelöst galt, ungeachtet der fortgesetzten, mehr als 100 Jahre währenden
Diskussion dieser Angelegenheit, und ungeachtet einer ganzen Reihe von Tat-
sachen, welche unumstößlich seine tatsächliche Eisbildung am Grunde bewiesen,
Die erste Ansicht, welche auf der Wärmeausstrahlung, die jedoch nur bei
besonderer Durchsichtigkeit des Wassers für die Strahlung des Flußbodens mög-
lich ist, basiert, steht in zweifellosem Widerspruch mit dem feststehenden Faktum
der besonders starken absorbierenden Eigenschaft des Wassers im ultraroten
Gebiet und mit der Tatsache, daß es keine Art von Wellen gibt, welche imstande
wären, durch dicke Wasserschichten von 10 m Mächtigkeit ohne Absorbierung
durchzudringen. An anderer Stelle) ist von mir erschöpfendes Material ange-
führt worden, welches diese Tatsachen bestätigt und diesen ständigen Wider-
spruch mit der richtigen Auffassung der Naturerscheinung beseitigt,
Die zweite Ansicht geht von der Voraussetzung aus, daß die Verwandlung
von Wasser in Eis ohne vorhergehende genügend starke Abkühlnng unmöglich
ist, und daß diese Abkühlung kaum am Grunde eines Flusses stattfinden kann,
Aus diesem Grunde bestreiten die Anhänger dieser Ansicht selbst die Möglichkeit
von Eisbildung am Grunde, und da sie diese Eisbildung auch infolge von Wärme-
ausstrahlung für unmöglich halten, erklären sie sein Vorhandensein am Boden
durch Zuführung von der Oberfläche.
Die fundamentale Voraussetzung, von der dieser Standpunkt ausgeht, steht
im Widerspruch mit der bekannten Tatsache, die sich auf den Prozeß der
Kristallisation bezieht. Für den Übergang von Wasser in Eis ist eine starke
Abkühlung durchaus nicht erforderlich, falls’ es mit einer festen Phase in. Be-
rührung kommt. Unter solchen Bedingungen kann der Prozeß, unabhängig vom
Grade der Überkühlung, vor sich gehen, wie die Versuche zeigen (siehe später)
sogar bei ganz minimaler Überkühlung (Hundertstel eines Grades), wenn sie nur
der Quantität der dem Wasser zu entziehenden Wärme entspricht. Außerdem
steht die Theorie der Zuführung in Widerspruch mit einer ganzen Reihe von
Tatsachen, z. B. mit der Tatsache des Vorhandenseins von Eis in verkorkten
Flaschen und Bathometern, welche auf den Flußboden versenkt wurden, sowie
) J. Smellie und A, Watt, Journal of the Scott. Meteor. Soc. V, XVII Nr. 34, 1917,
’) J. Aitken, Ibid, V. XVIII Nr. 35, 1917,
3) W. Altberg, Iswestija des Physikalischen Zentral-Observatoriums, 1920, Nr. 3, S. 15. Die
Frage in betreff der Wasserabsorption im infraroten Gebiet kann als genügend durchgearbeitet ange-
sehen werden, sowohl in theoretischer (Drude) als auch hauptsächlich in experimenteller Hinsicht,
dank den grundlegenden Arbeiten von F, Paschen, E. Aschkinass, H. Rubens, J. Hettner und
vielen anderen. Diese Arbeiten beweisen, daß die infraroten Welleu vollständig von den dünnsten
Wasserschichten absorbiert werden,
Für eine 1m dicke Schicht reicht das Absorptionsspektrum bis 24 = 0,9 u; längere Wellen
läßt eine solche Schicht überhaupt nicht durch.