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Volltext : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 52 (1924)

Ann. d. Hydr. usw., LIT. Jahrg. (1924), Heft X.

„oh

Die physikalischen Bedingungen
der Eisbildung auf dem Grunde von Flüssen und Seen.
Von W. Altberg..
Am 14. Dezember 1914 begann die Newa im Petersburger Rayon auf eine
ganz ungewönliche Weise zu gefrieren: nicht von oben ausgehend, wie gewöhnlich,
sondern von unten, vom Grunde. Dies hatte zur Folge, daß ganz Petersburg
seiner Wasserversorgung beraubt wurde, da die Saugröhren der Hauptwasserleitung
 stark eingefroren waren, obwohl sie, gerade um vor solchem Gefrieren
geschützt zu werden, an einer zweckentsprechenden Stelle angelegt worden
waren, nämlich mitten im Flusse in einer Tiefe von 20 m. Nach Zeugnis der
Taucher war der ganze Grund der Newa und alle in der erwähnten Tiefe sich
befindenden Wasserleitungsteile (Pfosten, Ketten, die Treppe, Netze der Saugröhren
 usw.) von einer %/, m mächtigen Schicht dicken lockeren Eises bedeckt.
Zum Glück der Stadt dauerte diese Erscheinung nur einen Tag an.
Die munizipale Selbstverwaltung Petersburgs wandte sich zwecks Aufklärung
 dieses außergewöhnlichen Falls an das Physikalische Zentral-Observatorium,
 welches im Laufe der folgenden Jahre ein systematisches Studium
dieser Erscheinung aufnahm. : Die Leitung dieser Arbeiten wurde dem Verfasser
dieses Aufsatzes übertragen, welcher seine Untersuchungen sowohl im Laboratorium
 als auch an Ort und Stelle unter natürlichen Verhältnissen vornahm‘).
Infolge der Unzulänglichkeit aller damals vorhandenen Erklärungen dieser
Erscheinung mußte die Frage nach ihrer Natur von Grund aus untersucht
werden, um so mehr, als sich augenblicklich, besonders bei uns in Rußland, für
eine solche Durchsicht eine Menge neuer Tatsachen, neuer Versuchsdaten und
interessanter Beobachtungen angesammelt hat,
Wie die im Jahre 1904 durchgeführte Nachforschung der Russischen Geographischen
 Gesellschaft erwiesen hat, ist diese Erscheinung in der Natur
ziemlich weit verbreitet, hauptsächlich in den nördlichen Ländern, auch spielt
sie eine große Rolle im Gefrierprozesse der Gewässer und wirkt sehr fühlbar
auf das Winterregime der Flüsse, besonders solcher mit zahlreichen Stromschnellen.
 Deshalb hat diese Erscheinung eine große Bedeutung in der Hydrotechnik,
 besonders bei Ausnutzung der Wasserenergie des Landes”) sowie bei
der Funktion von Anlagen mit Wasserbetrieb (Wasserleitungen, Mühlen usw.).
Außerdem ist diese Erscheinung auch für die Wasserkommunikation von Bedeutung,
 da einerseits die Dauer der Navigationsperiode von ihr abhängig ist
und. anderseits das auftauchende Grundeis für die Schiffahrt von Gefahr sein
kann. So sind z. B. auf dem Baikalsee Fälle von Auftauchen von großen Eisflächen
 vom Grunde des Sees, welche sich ‘bis auf 10 km und mehr ausdehnten,
beobachtet worden.
„Besonders große Dimensionen nimmt diese Erscheinung in Ssibirischen
Flüssen mit zahlreichen Stromschnellen an, wie im Jenissei, in der Angara u. a.
So bedeckt sich das ganze Flußbett des Badaibo mit einer mächtigen Eisschicht,
welche ein Steigen des Flusses und ein Austreten desselben aus den Ufern bewirkt,
 was sehr störend in die Arbeiten der Goldgräbereien im Lenagebiet eingreift.
 Auch in anderen Flüssen veranlaßt solche Massenbildung von Grundeis Überschwemmungen
 im Winter, manchmal großes Elend anrichtend®). Wie weit
der Einfluß des Grundeises reicht, sieht man ebenfalls aus den mehr oder minder
großen Veränderungen, welchen die Flußreliefs unter seiner Einwirkung unterworfen
 sind.

1) In der ersten Zeit wurde die Organisation der Beobachtungen von L. Jaczewski geleitet.
2) In Kanada z. B. hat das elektrisch betriebene Floßwesen infolge von Grundeis mit großen
Schwierigkeiten zu kämpfen. Siehe J. Murphy, Proceed. and Transact.,, Roy. Soc. Canada VIIL,
p. 143, 1909, &
3) Die Stadt Irkutsk wurde im Jahre 1870 von allen Schrecken einer Überschwemmung im
Winter heimgesucht.
Ann. d. Hvdr. usw. 1924. Helt X.
            
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