Meißner, O.: Zur Frage nach der Entstehung der Seebären. 15
Hier erhebt sich aber gleich die Frage: weshalb traten nicht auch an den
anderen Ostseestationen Seebären auf? ‘Die Antwort ist, daß nur bei unmittel-
barem Vorübergange der Spitze eines derartigen Gebildes der Wind- und eventuell
Luftdruckwechsel rasch genug ist, um eine plötzliche Anderung des Wasserspiegels
von bedeutenderem Ausmaße zu bewirken. Wäre sie weiter landeinwärts von
Stolpmünde vorbeigezogen, so hätte sie natürlich auf den Wasserstand überhaupt
keinen Einfluß gehabt, wenn aber weiter seewärts, so hätte sich der auf hoher
See entstandene, ohnehin vermutlich wegen‘ des Fehlens der Küste nicht so hoch
gewordene Seebär nur in abgestumpfter Form bis zur Küste fortgepflanzt. —
Am 12. März 1922 war in Stolpmünde wieder eine seebärartige Erscheinung,
Diesmal war die Wetterlage so, daß ein über der Halbinsel Kola liegendes 735 mm-
Tief über der Ostsee einen scharfen Knick der Isobaren aus nordsüdlicher in
ostwestliche Richtung hervorbrachte. Die entsprechenden Windrichtungen waren
W und NNW. Die Windstärke war im Gegensatz zum vorhin behandelten Fall
bedeutend. Der ersten Anschwellung folgten hier aber noch sechs mehr oder
weniger deutliche in etwa zwei Stunden Abstand, so daß man zweifellos an eine
Auslösung von „Seiches“ zu ‚denken hat, denen übrigens zahlreiche kleinere
Perioden übergelagert waren.
Ganz ähnliche Erscheinungen bei fast gleicher „Rückseitenwetterlage“ mit
geknickten Isobaren, also Windumsprung um über 90°, traten im darauffolgenden
Juni 1922 ein, und zwar am 25. in Arkona und Stolpmünde, am 27. in Warne-
münde, am 29. wieder in Stolpmünde, das offenbar für derartige Ereignisse ein
besonders geeigneter Ort ist. Es waren niemals echte Seebären wie im erst-
geschilderten Falle, aber doch nahe verwandte Erscheinungen. .
Auch in den früheren, von .Doss (s. o.) sorgfältig bearbeiteten Fällen
wird oft Windumspringen, aber nicht immer starke Luftbewegung berichtet.
Demnach möchte ich als nach vorliegendem wahrscheinlichste Ursache eines
„Seebären“ folgendes annehmen:
Zieht eine geknickte Isobare mit dem Knickpunkte unmittelbar an
der Küste vorbei, so erzeugt sie, infolge des Windumsprungs und der
dadurch bedingten Wasserstauung, einen Seebären. Die Erscheinung
wird um so deutlicher, je größer der Winkel ist, den die beiden Tan-
genten der Isobare an der Knickstelle bilden.
Weshalb die Knickstelle der Isobare gerade den Küstenrand treffen muß,
habe ich bereits eben auseinandergesetzt. Daß eine derartige Wetterlage auch
Seiches hervorrufen kann, ist erklärlich.
Färbung der tiefstehenden Sonne.
Während meiner Beobachtungen der neutralen Punkte der atmosphärischen
Polarisation!) habe ich manchmal die Sonnenfarbe vermerkt, zunächst nur, um
über die für die eigentliche Aufgabe in Betracht kommenden äußeren Verhältnisse
einen Anhalt zu bekommen. Da jedoch diese Beobachtungen überhaupt fast nur
bei niedrigstehender Sonne und bei sehr günstiger Luft angestellt wurden, indem
man hier bezüglich dieser viel wählerischer sein muß als bei manchen astro-
nomischen Arbeiten, lag es nahe, die gewonnenen Notizen auch in anderem Sinne
zu verwerten... Unter mehr als 13000 Polarisationsbeobachtungen fanden sich
über die Färbung der-Sonne und die Blendung durch ihren Glanz 1093, die sich
auf 119 Morgen und 103 Abende verteilen, ziemlich entsprechend dem Über-
gewicht, das, äußeren Verhältnissen zufolge, die Morgenbeobachtungen dieser
meteorologischen Erscheinungsreihe‘ bei mir überhaupt haben. Die vorteilhafte
Lage des Beobachtungsortes, nämlich des flachen Daches auf meinem Hause,
ermöglicht besonders morgens das Wahrnehmen der Sonne bei sehr geringer
wahrer Höhe, bis zu — 0.6°. Da die wenigen Notizen, bei welchen A > 3.0°, kaum
Interesse bieten, wurden zur Ableitung von Ergebnissen nur die von + 3.0° bis
;) Vgl. die in dieser Zeitschrift, Jahrg. XL (1912), . Seite 478-—486, gegebene Anleitung.