188 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1924,
und umgekehrt. Die Linien A, B und C zeigen zwei Höchstwerte, die aber nur
in B als zwei gleich hohe Hochwasser auftreten; seitwärts von B erniedrigt
sich eins der beiden, so daß in A und C nur doppelte Niedrigwasser bemerkbar
sind. In D und E herrscht nur die Grundtide. Dagegen treten in E, F und G
doppelte Hochwasser auf, die überall fast die gleiche Höhe erreichen, Die Strom-
figuren sind nicht mehr Ellipsen, sondern sie haben, teils überhöht, teils ab-
geflacht, die Form co. Sowohl diese Kurve wie auch die bei anderem Gang-
unterschiede auftretenden, gehören zu den sogenannten Lissajouschen Figuren
der physikalischen Lehrbücher, auf die hier verwiesen sein mag. Es macht
keine Schwierigkeit, auch für ein anderes Verhältnis von Länge und Breite die
Flutstundenlinien zu zeichnen, doch werden, insbesondere bei inkommensurablem
Verhältnis, die Figuren sehr verwickelt. In der Praxis werden meistens die
Tidekurven nach Art der Linien A, B usw. beobachtet werden und die physi-
kalischen Vorgänge aus ihnen durch harmonische Analyse abzuleiten sein.
Meistens wird dabei die Eigenperiode der einen Schwingung in einem günstigeren
Verhältnis zur Periode der Gezeitenkräfte stehen als die andern, so daß die
erstere Schwingung stärker ausgebildet ist als die zweite, und durch sie nur in
mäßigen Grenzen geändert wird. Bei Eigenschwingungen (Seiches) jedoch werden
beide zu beachten sein und Bilder nach Art der Abb. Nr. 6 vorkommen können.
Die Gleichgewichtsfläche des Meeres.
Von Kurt Wegener.
Die Oberfläche des ruhenden Meeres bildet eine Fläche gleichen Schwere-
potentials. Sie hat am Äquator größeren Abstand vom Erdmittelpunkt als am
Pol; infolge der Zentrifugalkraft, die sich mit der Erdanziehung zur Schwere-
beschleunigung zusammensetzt.
Hat der Wind eine Strömung in dieser ruhenden Meeresfläche erregt, so
sucht sich das strömende Wasser im ganzen in einer „Trägheitskurve“ zu be-
wegen, und die Strömung weist ein Gefälle quer über die Strömungsrichtung
auf, auf der Nordhalbkugel von rechts nach links. Diese „dynamische“ Gleich-
gewichtsfläche bildet einen Winkel mit der statischen des ruhenden Meeres. Der
Schnittpunkt der beiden Flächen liegt in der Mittellinie des Stromes, Die Be-
ziehung zwischen erregendem Winde und Stromgeschwindigkeit, zwischen letzterer
und der Neigung der dynamischen Gleichgewichtsfläche zur statischen, und
zwischen Stromgeschwindigkeit und Trägheitskreis habe ich in dieser Zeitschrift
in einer allgemeinen kurzen Darstellung der Beschleunigungen in der Hydrosphäre
behandelt !),
Diese Beschleunigungen wurden im dynamischen Gleichgewicht betrachtet,
das bei dem Wechsel des hauptsächlichen Strömungserregers, des Windes, frei-
lich nur einen Augenblickswert besitzt. Damit in einem Strom auf der Nord-
halbkugel das statische Niveau sich zum dynamischen umformt, muß Wasser von
der linken Stromhälfte zur rechten geführt werden, Ist der Strom zwischen
ruhenden Meeresflächen eingebettet, so muß ferner infolge der Niveaudifferenzen
an seinem linken Rande eine Wasserzuführung in ihn hinein, und an seinem
rechten Rande ein Abfluß aus ihm heraus eintreten.
Die Wasseroberfläche kann durch Windreibung nur in der Richtung des
Windes in Bewegung gesetzt werden. Quer hierzu .wirkt die ablenkende Kraft
der Erdrotation. Die Strömung ist hierdurch aus der Windrichtung abgelenkt.
Der Ablenkungswinkel?) sollte am Äquator = 0 sein und mit der Breite wachsen.
Der beobachtete Ablenkungswinkel hat sich auch etwas veränderlich erwiesen,
aber bisher ohne klaren Zusammenhang mit der geographischen Breite. Ge-
nauere Untersuchungen des Zusammenhanges scheinen bisher nicht vorzuliegen.
Eine zweite Querströmung wird von der Umformung der statischen zur
) K, Wegener, Ann. d. Hydr. usw. 1923, S. 249. .
2) Das starke Anwachsen der Ablenkung mit der Tiefe ist darauf zurückzuführen, daß die
tieferen Wasserschichten der Luftreibung entzogen sind, und ihre Impulse von bereits abgelenkten
Wassersechichten erfahren.