Thorade, H.: Einige Bemerkungen über Amphidromien, II, 187
deren Ostseite verschoben ist, und weshalb in der nördlichen Nordsee keine zu-
stande komme: Die eindringende atlantische Welle begegnet der am Südrande
der Nordsee reflektierten, wobei beide durch Reibung geschwächt werden; ihr
Höhenunterschied ist daher nahe der Südküste klein und im Norden groß, und
es bedeutet keinen Widerspruch gegen die Merzsche Auffassung, wenn nach dem
oben Gesagten das Nichtentstehen der nördlichen Amphidromie so gedeutet wird,
daß ihr (nur gedachter) Knotenpunkt auf Land, im südlichen Norwegen liegt.
Auf der Gezeitenkarte der Nordsee von A. T; Doodson‘) liegt der Knotenpunkt
nahe an der norwegischen Küste, und Doodson spricht von einem Drängen der
Knotenpunkte gegen den Ostrand, das gegen Norden stärker werde, und auf
der Karte von A, Defant?) liegt er noch weiter seewärts. Nach der hier ver-
tretenen Auffassung spricht also aus den drei Karten neben einer vielleicht ver-
schiedenen Berücksichtigung der Tiefenunterschiede eine sehr verschiedene Ein-
schätzung der Reibung.
Nach Lamb (Hydrodynamik, S. 375) ist die Wasserhöhe bei einer einfachen Kelvin - Welle
—2wy .
= ae © cos(ot— xx), wenn a die Hubhöhe in der Mitte des Kanals, c die Wandergeschwindig-
keit, w die Winkelgeschwindigkeit des Kanals, y den Abstand von der Kanalmitte, T = Z die Periode
und 2 = Az die Wellenlänge bedeutet. Eine zweite durch Reibung geschwächte entgegengesetzte
Wwy
Welle sei durch & = be © cos (ot -+»x) gegeben. Dann entsteht die resultierende Welle
== +E=(ae7” + be”) cos xx cos ot + (ae 7” — be”) sin xx sin ot,
wo n für 2 wy/c gesetzt wurde. Der hubfreie Punkt ist dort, wo zugleich ;
(ae77 + be”)cosux, = 0
(ae7% — be”)sinux, = 0. 4wyı
Soll ” reell sein, so muß xx = 90° und e?*7ı — a/b sein, oder a: b = ec , wenn yı der
Abstand des Knotenpunktes von der Kanalmitte ist. Die Verschiebung ist also yı = Zn
2, Rechteckiges Becken. Harris geht bei seinen Betrachtungen über
Amphidromien von geschlossenen, quadratischen, gleichmäßig tiefen Becken aus.
Es ist jedoch keine schwere mathematische Aufgabe, den nächsten Schritt zur
Verallgemeinerung zu tun und ein ungleichseitiges Rechteck an die Stelle des
Quadrats zu setzen (vgl. Lamb a. a. OÖ, S. 331). Aber den einfachen mathe-
matischen Formeln entsprechen ziemlich verwickelte Vorgänge. Das Rechteck
sei z. B., um einen möglichst einfachen Fall zu wählen, doppelt so lang wie breit
(Taf, 16, Nr. 5) und nach den Himmelsrichtungen orientiert; von der Erd-
umdrehung soll abgesehen werden. Zwei gleich hohe Schaukelbewegungen, mit
den Mittellinien als Knotenlinien, mögen sich überlagern; es ist leicht einzu-
sehen, daß eine fortschreitende Welle das Becken von Norden nach Süden doppelt
so schnell durcheilen würde wie von Westen nach Osten, und daß die durch
Reflexion entstehenden Schwingungen infolgedessen in nord-südlicher Richtung
nur die halbe Periode besitzen können wie die west-Östlichen; sie verhalten sich
wie Oktave und Grundton. In der Abb. Nr. 5 ist angenommen, daß um 12%
die Grundschwingung (W—0O) gerade durch die Null-Lage geht, während die
Oberschwingung (N—S) ihren Höchstwert hat. Die entstehende Amphidromie
weicht von der früher besprochenen stark ab: Die Hochwasserzeiten schreiten
erst von F aus nach rechts fort bis D, laufen dann rückwärts bis H herum
und dann wieder nach rechts bis F. Dagegen hat der ganze südwestliche Qua-
ädrant um 9% und der südöstliche um 3b Hochwasser; nur auf der Grenze beider
tritt es zu beiden Zeiten ein. Die Hubhöhen-Linien sind fortgelassen, da sie
ähnlich wie bei gewöhnlichen Amphidromien laufen.
Um die Vorgänge näher zu verfolgen, sind in Nr. 6 die auf den mittleren
Spiegel bezogenen Tidekurven für die Punkte A, B, C, D dargestellt; für die
Punkte E, F, G, H (in der gleichen Reihenfolge) gelten die gleichen Kurven, wenn
man oben und unten vertauscht, so daß aus Hochwasser Niedrigwasser wird,
1) Geogr. Journ. LXIII, Nr. 2. London 1924, S. 139.
2) Diese Zeitschrift 1923, S. 1774,