Defant, A.: Die Gezeiten des Atlantischen Ozeans und des Arktischen Meeres. 157
jenen im Bassin selbst, so daß wir in erster Annäherung am Querschnitt 10 q==0
wählen können. Das besagt aber, daß wir nun den Kanal als geschlossen be-
trachten. Die Mitschwingungsgezeit mit dem äußeren Meere im Süden steht dann
bei 2n=:100 cm am inneren Ende in. Tabelle 2 an zweiter Stelle.. Bei »=1
ist in der Mitte des Kanals etwa eine Knotenlinie zu erwarten, Man findet sie
bereits südlich des Querschnitts 7, etwa 830 km vom inneren Ende entfernt. Im
südlichen Ast der stehenden Welle wird ein Maximum schon bei Querschnitt 4
erreicht, dann sinkt die Hubhöhe etwas, aber nicht mehr stark. Der innere und
Äußere Teil des ganzen Bassins haben danach eine um sechs Stunden verschiedene
Phase, was den. Beobachtungen auch entspricht. Auf die mit dieser stehenden
Welle verbundenen horizontalen Wasserverschiebungen wirkt nun die ablenkende
Kraft der Erdrotation, die hier im relativ hohen Norden groß ist. Sie macht
aus der Knotenlinie eine entgegen dem Sinne des Uhrzeigers verlaufende Amphi-
dromie. Die Beobachtungen zeigen auf der westlichen Seite des Kanals (Grön-
land) eine Anordnung der Flutstundenlinien, die einer solchen Amphidromie
entspricht. Die meisten Darsteller der Flutstundenlinien in diesem Meere (zuletzt
Harris, Sterneck) haben aber hier eine fortschreitende Welle eingezeichnet
mit deutlicher Zusammendrängung der Linien im mittleren Teil des Kanals.
Ob ‚eventuell vorhandene Beobachtungen auf der Ostküste diese Darstellung
rechtfertigen, vermag ich nicht zu entscheiden, da ich solche nicht auftreiben
konnte, Andererseits ist es nicht ausgeschlossen, daß auftretende Querschwin-
gungen die Amphidromie zum großen Teil wieder aufheben und dem Gezeiten-
vorgang mehr. den Charakter einer fortschreitenden Welle geben. können, Da
uns aber dies weniger interessiert, wollen wir nicht näher darauf eingehen. Aus
Tabelle 2 kann man entnehmen, welche Wassermassen bei einer bestimmten Hub-
höhe am südlichen Eingang in die Davisstraße (beim Querschnitt 18 des’ Atlan-
tischen Ozeans) dem Atlantischen Ozean entzogen bzw. zugeführt werden; ‚diese
Größe benötigen wir für die folgenden Berechnungen.
I. Teil. Die halbtägigen Gezeiten des Atlantischen Ozeans.
Mitschwingungsgezeit. Die erste Gezeitenkomponente, die in Betracht‘ zu
ziehen ist, ist gewiß die Mitschwingungsgezeit der Wassermassen des ganzen
Bassins mit der Gezeit am offenen Ende des Kanals. Da diese nach den Be-
obachtungen eine ziemlich große Amplitude aufweist, wird sie von ausschlag-
gebender Bedeutung werden. Zur Berechnung der Mitschwingungsgezeit dienen
Formeln der Form 1. Man erhält nach der gewöhnlichen Berechnungsart bloß
angenäherte Werte von & und % für jeden Querschnitt und dann durch mehr-
fache Wiederholung der Rechnung für ein und denselben Querschnitt kann die
erwünschte Genauigkeit erzielt werden. Wenn, wie im vorliegenden Fall, die
schrittweise Berechnung für einen so.langen Kanal durchgeführt werden soll, ist
es unbedingt erforderlich, die Genauigkeit der Werte g, & und % für jeden Schritt
möglichst. weitzutreiben, damit nicht durch Summation der an sich kleinen Fehler
schließlich eine ganz bedeutende Verschiebung der Schwingungsverhältnisse ein-
tritt. Es ist nun leicht möglich, die Gleichungen 1 so zu transformieren, daß
bei Ersparung der oftmaligen Wiederholung der Rechnung nur mit einer einzigen
solchen für jeden Querschnitt genau zueinander passende Werte von q, & und 7
erhalten werden. Bezeichnet man mit dem Index 1 die bekannten Werte q, 5
und 7 für einen Querschnitt, mit dem Index 2 die Werte des darauffolgenden
Querschnittes, die zu berechnen sind, so lauten die Gleichungen 1 bei voraus-
gesetzter linearer Änderung der Größen im betrachteten kleinen Kanalteil .
2
nm eat und Ey = —.= (a + WI %), worin a = Ei 4x bedeutet,
Das sind zwei Gleichungen mit zwei Unbekannten 7, und &. Ihre Auflösung ergibt
(2) hs (dı +m-+a-@) %} = Ha SS und =
S (+33) 1
Mittels der ersten Gleichung wird zunächst & berechnet, dann gibt die zweite
Gleichung % und die dritte die Größe q„. Da stets & — —q,:S, sein muß, kann
Ann. d, Hydr. usw. 1924, Heft VII.