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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 52 (1924)

Ann. d. Hydr. usw., LI. Jahrg. (1924), Heft VII. 
F 
‚53 
Gezeiten des Atlantischen Ozeans und des Arktischen Meeres. 
Von A. Defant, Innsbruck. 
(Hierzu Tafel 12.) 
Wenn man das nachliest, was G. H. Darwin in der Enzyklopädie der 
math. Wissenschaften, Band VI B, Geophysik!), über die bisherigen ‚Versuche 
einer näheren Darstellung und Erklärung der atlantischen Gezeiten referierend 
mitteilt, kann man sich des Eindrucks nicht verschließen, daß man nach dem 
heutigen Stande unserer Kenntnisse über dieses Wissensgebiet doch wesentlich 
mehr darüber aussagen könnte, als es damals möglich war, und daß man viele 
der Annahmen, die in diesen Erklärungsversuchen aufgenommen erscheinen, auf 
ihre Stichhaltigkeit genau nachprüfen kann. Wenn Whewell die atlantischen 
Tiden als eine von Süden her fortschreitende Welle, Airy als mehr selbständige 
Tide mit dem Charakter stehender Wellen, Ferrel überhaupt nur als stehende 
West-Ost-Schwingung aufgefaßt wissen wollen, so sind wir jetzt in der Lage, 
zahlenmäßig festzustellen, welcher dieser Teilwellen mehr Bedeutung beim Zu- 
standekommen der atlantischen Tiden zukommt. W. Ferrel ist sogar soweit 
gegangen zu behaupten, daß eine Barre durch den Ozean hindurch, zwischen 
Afrika und Südamerika aufgerichtet, die atlantischen Gezeiten kaum beeinflussen 
würde. Wenn auch C. Börgen dieser zu weit gehenden Behauptung entgegentritt, 
so spielt doch auch bei ihm noch neben Schwingungen transversal zum Ozean 
eine von Süden gegen Norden fortschreitende Welle die Hauptsache. Ein Ver- 
such, eine hydrodynamische Theorie der Gezeiten des Atlantischen Ozeans unter 
Berücksichtigung aller vorhandenen, hydrodynamisch möglichen Schwingungs- 
arten und fluterzeugenden Kräfte zu geben, ist bisher nicht unternommen worden. 
Ein solcher Versuch soll hier zum erstenmal gegeben werden. Die hierbei 
gemachten Annahmen sind nicht sehr weitgehende. Die scheinbar schwer- 
wiegendste ist die, daß für die in der Nord-Südrichtung wirkenden fluterzeugenden 
Kräfte sowie für eventuelle Mitschwingungsgezeiten in der Längsrichtung des als 
Kanal aufgefaßten Atlantischen Ozeans die Breite dieses Ozeans, verglichen mit 
seiner Länge, als klein aufgefaßt werden kann. Diese Annahme hat zur Folge, 
daß der Schwingungsvorgang bei Abwesenheit der Erdrotation an jeder Stelle 
irgendeines Querschnittes stets der gleiche ist. Die Annahme scheint bei der 
großen Breite des betrachteten Meeres etwas gewagt zu sein. Die Ergebnisse 
zeigen aber, daß sie den Beobachtungen gemäß in erster Annäherung den Tat- 
sachen vollauf entspricht. Die große Breite des Atlantischen Ozeans läßt indessen 
erwarten, daß auch Querschwingungen vorhanden sind und zur Geltung kommen. 
Die Annahme einer, verglichen mit der Länge kleinen Breite des Ozeans soll uns 
deshalb nicht abhalten, auch diese Querschwingungen zu berücksichtigen, falls 
sich herausstellen sollte, daß ihre Hubhöhe entsprechend groß ist, um ins Gewicht 
zu fallen. 
Die angewendeten Methoden sind dieselben, die bei der Untersuchung der 
Gezeiten kleinerer Meere bisher mit Erfolg benutzt wurden; nur in einigen Fällen 
wurde davon abgewichen. Wenn man den Atlantischen Ozean zugleich .mit dem 
im Norden sich direkt anschließenden Arktischen Meere in einer flächentreuen 
Darstellung ansieht, z. B. in Lamberts flächentreuer Zylinderprojektion, wie sie 
M. Groll zur Darstellung der Tiefenverhältnisse dieser Meere?) benutzt hat, so 
stellt er sich offenkundig als großartiger, einseitig offener Kanal dar, Die 
enge und seichte Beringstraße kann wohl in dieser Hinsicht nicht als Öffnung 
an der anderen Seite des Kanals aufgefaßt werden; ihre Bedeutung für die 
Gezeitenvorgänge dürfte sich nur in einem sehr kleinen Teil des Arktischen 
Meeres vor der Einmündung der Meeresstraße äußern. Die Breite dieses groß- 
mächtigen Kanals, der im Süden zwischen Südamerika und der Südspitze von 
') Erschienen 15, September 1908, Siehe besonders die Seiten 55 und 56, 
‘; Veröffentlichungen des Instituts für Meereskunde Berlin. Neue Folge A, Heft 2, 
Ann. d. Hydr. usw, 1924, Heft VII.
	        
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