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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 52 (1924)

138 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1924, 
Bahnkurven an (die also nicht mit den Stromlinien zu verwechseln 
sind), so befindet sich das jeweilige Wasserteilchen um 12h an der durch einen 
Punkt bezeichneten Stelle, 
Nun zur Anwendung der Sätze A und B. Es ist ersichtlich, daß um 12% 
die Stromgeschwindigkeit überall gerade ein Maximum oder Minimum ist, und 
es ist damit die Vorbedingung erfüllt, daß die Flutstundenlinie auf den Strom- 
linien und den Schichtlinien senkrecht steht; das trifft hier für die 12h-Linie zu 
und wird sich für 3%, 6h und 9b wieder ereignen. Für die Diagonalen ist B 
erfüllt, und daher werden auch die Linien für 1!/,h usw. diese Eigenschaft haben. 
Allerdings ist daran zu erinnern, daß die Harrisschen Amphidromien ohne 
Berücksichtigung der Erdrotation abgeleitet sind, und daß deshalb, wie oben aus- 
geführt, die Flutstundenlinien in der Figur stets zu den Stromlinien (nicht aber 
zu den Schichtlinien) senkrecht sind; aber das würde eben nur für äquatoriale 
Gewässer gelten. ‚Wenn dagegen die Erdrotation einen merklichen Einfluß hat, 
also in mittleren und höheren Breiten, kann eine einfache Amphidromie in der 
Harrisschen Form nicht bestehen. Wohl kann man die Hubverhältnisse als 
die gleichen annehmen. Aber die zu ihrer Erzeugung notwendigen Strömungen 
müssen andere sein, wegen der ablenkenden Kraft der Erdrotation; schon in 
31° Breite würde die Stromellipse nicht mehr am Rande in eine nord-südliche 
Gerade ausarten, sondern auf der punktierten Linie (und entsprechend auf den 
anderen Seiten) der Figur. Am bisherigen Rande würde also im allgemeinen 
eine Strömung quer zum Ufer laufen müssen, was aus physikalischen Gründen 
aber unmöglich ist; auch die punktierte Linie würde keine Begrenzung bilden 
können, da die hier nord-südliche Strömung einen Winkel mit ihr bildet. Kurz, 
das Harrissche Bild könnte nur noch für ein nicht von Grenzen eingeschlossenes 
Gewässer gelten. Macht man jedoch diesen Vorbehalt, daß also die Wasserfläche 
nicht begrenzt ist, so stellt sich heraus, daß die Sätze A und B, die ja unter 
Berücksichtigung der Erdrotation abgeleitet waren, in Kraft bleiben. Zunächst 
ist dies selbstverständlich für die Rechtschnittigkeit der Flutstunden- und Schicht- 
linien, da die Hubverhältnisse als unverändert angenommen wurden. Dann aber 
laufen, auch unter Berücksichtigung der Erdrotation, die Stromlinien um 12% 
nach N, und die Strömung liegt in der Achsenrichtung der Ellipsen; endlich 
bleiben auf den Diagonalen die Stromdiagramme kreisförmig; die Achsenlängen 
werden freilich anders. 
Zweites Beispiel (Nr. 3 und 4, Tafel 10). Die abgeleiteten Sätze gelten 
nicht nur für Amphidromien, sondern für beliebige Interferenzen. Zum Vergleich 
ist in Tafel 10 Nr. 3 eine Interferenz einer nach N fortschreitenden Welle (Hub- 
höhe 1 m) mit einer nach O0 wandernden (Hubhöhe 1.5 m) durch Schichtlinien dar- 
gestellt. Ein solches Beispiel hat Airy (Tides and waves, $ 370 u. 371) behandelt, 
um zu zeigen, daß am Verlauf der Flutstundenlinien die ursprünglichen Wellen 
nicht mehr zu erkennen sind. Man kann noch einen Schritt weitergehen: Die 
Abbildung zeigt, daß man an der Flutstundenlinie (hier die gestrichelte starke 
Linie 12h) auch nicht die Gestalt der resultierenden Welle erkennen kann, was 
besonders auch aus Nr. 4, den Flutstunden- und Hublinien, hervorgeht. Es ergibt 
sich ein isolierter Wellenhügel, der auf vier Seiten von Mulden umgeben ist und 
gleichmäßig nach NO fortschreitet; sein Ort ist von Stunde zu Stunde durch 
kleine Kreise bezeichnet. Die Linien, auf denen Rechtschnittigkeit eintreten 
könnte, sind punktiert; sie schneiden die Flutstundenlinie nur in einem Punkte; 
hier allein, auf dem Gipfel, steht also die Flutstundenlinie auf den Schichtlinien 
senkrecht und ebenfalls auf dem Strompfeil, der gerade die große Achse der 
Stromellipse passiert. (Als geographische Breite wurde 31° N-Br. angenommen.) 
Mathematische Beweise, Nimmt man als Ortskoordinaten x und y, als Zeit t, so ist die 
Höhe des Wasserspiegels, £&, eine Funktion von .x, y und t. Die Richtung der Schichtlinien 
& = Const. ist in jedem Punkte gegeben durch y,/ = — A : SE, wo yı' für dy,:dx, gesetzt wurde; 
die. Gleichung der Flutstundenlinien lautet Sr = 0, und ihre Richtung ergibt sich aus 
BE, 05 
3 = — azdl oyaı
	        
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