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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1924,
Einige Bemerkungen über Amphidromien. |.
Von H. Thorade,
(Hierzu Tafel 10.) ;
i. Beziehungen zwischen Flutstundenlinien, Schichtlinien und Stromlinien. In
einer früheren Arbeit (diese Ztschr. 1924, S. 27f.) wurde dargetan, daß die Flut-
stundenlinien, d. i. die Linien gleichzeitigen Hochwassers, keinen einfachen Schluß
auf die Lage des Kammes der Flutwelle zulassen; die wohl von Whewell her-
rührende Anschauung, daß sie den Kamm der Welle bezeichnen, trifft nur für
reine fortschreitende Wellen zu und kann daher nicht ohne weiteres für’ Inter-
ferenzgebiete gelten. Dagegen ließ sich nachweisen, daß im Falle von Tiden
aus einer Periode, die also nicht mit Oberschwingungen behaftet sind, die Flut-
stundenlinien stets da liegen, wo sich drei Stunden vorher (hier wie im folgenden
sind stets Mondstunden gemeint) die Knotenlinie, d. i. die Linie, in der: die Wellen-
fläche den ungestörten Spiegel schneidet, befand. Könnte es danach scheinen,
als ob die Flutstundenlinien kaum mehr sind als ‚geometrische Örter gleich-
zeitigen Hochwassers, so bleibt noch die Frage zu untersuchen, ©ob sie ander-
weitig mit der Form der Wellenfläche verknüpft sind. Um, die letztere zu kenn-
zeichnen, sei angenommen, daß sie in der Art wie in der erwähnten Arbeit oder
derjenigen von A. Schumacher (diese Ztschr. 1924, S. 53ff) durch Höhen-
Schichtlinien gegeben sei, und es fragt sich zunächst, ob die Flutstundenlinien
etwa auf dem kürzesten Wege, also rechtwinklig zu den Schichtlinien auf den
Wellenberg hinaufführen, Das Ergebnis einer Untersuchung dieser Frage, das
weiter unten mathematisch abgeleitet werden soll, lautet dahin, daß ein solcher
Verlauf. zu den Ausnahmen gehört, daß diese Ausnahme aber zu gewissen Tide-
stunden in der Regel vorkommen wird. Sie kann nur eintreten, wenn entweder
1. das Spiegelgefälle == 0 ist, oder
2. das Spiegelgefälle einen Höchst- oder Niedrigstwert hat, oder
3. das Spiegelgefälle dauernd denselben Betrag hat.
. Jede der beiden ersten Bedingungen wird. an irgendeinem Punkte des
Meeresbeckens während der Tide ein- oder mehrere Mal erfüllt sein; aber im
allgemeinen wird der Zeitpunkt, in dem sie erfüllt sind, nicht mit dem Zeitpunkte
des Hochwassers zusammentreffen. Nur dort also, wo die Wasseroberfläche
entweder wagerecht ist oder gerade ihre stärkste (oder geringste) Neigung hat,
und wo gleichzeitig Hochwasser ist, nur dort wird die Flutstundenlinie die Schicht-
linie rechtwinklig schneiden; dies wird in der Regel nur an wenigen, besonderen
Stellen des Gewässers zutreffen. In der Tat zeigen auch die bisher vorhandenen
Gezeitenkarten, daß die Linien sich in der Regel schiefwinklig schneiden. Ist
aber an irgendeinem Punkte die dritte Bedingung erfüllt, daß nämlich der
Neigungswinkel der Oberfläche stets der gleiche bleibt, daß also das Gefälle im
Laufe der Tide nur seine Richtung ändert, so wird die durch diesen Punkt
gehende Flutstundenlinie rechtwinklig zu der Schichtlinie stehen. Doch werden
auch solche Stellen immer eine Ausnahme bilden; denn diese dritte Bedingung
könnte für das ganze Gewässer nur in den seltensten Zufällen erfüllt sein, wie
unten dargetan wird,
Die Stellen also, an denen Rechtschnittigkeit der Flutstunden- und Schicht-
linien herrscht, sind zwar. vorhanden, aber sie sind selten. Gleichwohl könnte
es von Wert sein, wenn man sie, falls die Aufgabe vorliegt, eine Gezeitenkarte
zu entwerfen, angeben könnte, ohne zuvor die Oberflächenform des Wassers zu
kennen. Es liegt nahe, hierzu den Zusammenhang mit den Strömungen zu ver-
werten. Nun werden die Strömungen in einer Flutwelle durch zweierlei Kräfte
beeinflußt: Durch das Gefälle und durch die kosmischen Gezeitenkräfte, Von
den letzteren soll hier abgesehen werden, und es sei daher in diesem Abschnitte
nur von den „freien“ Tidewellen, wie sie früher hießen, oder den „Mit-
schwingungsgezeiten“ wie Defant sie nennt, die Rede. Um ferner genauere
Aussagen machen zu können, soll fortan angenommen werden, daß es sich um
Tiden von nur einer Periode, also ohne Oberschwingungen handelt, wie sie
den meisten Gezeitenkarten der Praxis zugrunde liegen, Kann es sich dann er-