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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 52 (1924)

Seilkopf, H.: Die Luftverkehrsberatung durch den Wetterdienst der Deutschen Seewarte. 133 
Als Beispiel wetterkundlicher Beratung bei. einer Nebelwetterlage sei die 
Beratung des Flugzeugs D60 der Hamburger Gesellschaft für Luftverkehrs- 
unternehmungen angeführt, das angesetzt wurde, um einen Wachmann von dem 
Mitte November 1923 auf den Tertiussänden, 10 Seemeilen westlich von Büsum, 
gestrandeten Motorschiff „Sonderburg“ zu holen. Infolge der Eisblockierung des 
Wattenmeeres bestand keine andere Möglichkeit, mit dem Wachmann in Ver- 
bindung zu treten, dessen Proviant in den ersten Januartagen zu Ende ging. 
Am 3. Januar war die Flugzeug-Hilfsexpedition startbereit. Unter dem Einflusse 
eines flachen, morgens über Westdeutschland und den Niederlanden liegenden 
Teiltiefs herrschte jedoch im Gebiete der Deutschen Bucht ‘nebeliges Wetter mit 
zeitweiligen Schneefällen, das den Flug verbot. Da jedoch das Teiltief nach 
Südosten zu ziehen schien und auf seiner Rückseite ein Vorstoß kalter Luft- 
massen aus dem. skandinavischen Kältebecken zu erwarten war, konnte am 3. 
mittags dem Flugzeugführer Tüxen für den folgenden Tag aufheiterndes Wetter 
und ausreichende Sicht vorhergesagt werden. Am 4. früh hatte zwar das Nieder- 
elbegebiet noch Nebel; es meldeten jedoch Keitum bereits 20 km Sicht und List 
auf Sylt „sichtig“. Bei dem weiteren Vordringen der Kaltluft und der dement- 
sprechenden Südwärtsentwicklung des nordischen Hochs war daher auch an der 
Unterelbe mit baldigem Aufklaren zu rechnen, so daß für die Flugstrecke Ham- 
burg—Eidermündung die in allen Einzelheiten zutreffende Sichtvorhersage ge- 
geben wurde: Nach baldigem Auflösen des Nebels bis zur Gegend von Itzehoe 
noch diesig, aber Sicht für den Flug ausreichend, weiter nordwestlich gute Sicht; 
in den späteren Nachmittagsstunden an der Elbe erneut Nebel. Auf Grund 
dieser Vorhersage wurde der kühne Flug zum vereisten Wattenmeer unternommen 
und der Schiffbrüchige der „Sonderburg“ gerettet. 
An den jetzt von Hamburg ausgehenden Fluglinien weisen einige Gebiete 
besonders häufig Nebel auf: Die Marschlandschaften an Unterelbe und Unter- 
weser, die Moorgebiete an der Ems und die Hügelgelände des Holsteinischen 
Höhenrückens und des Südteils der Insel Seeland. Die beiden letztgenannten 
Hügelgelände sind für den Luftverkehr besonders unangenehm, weil eine allge- 
mein niedrige Wolkendecke bei ihnen häufig aufliegt, also als Nebel in Erschei- 
nung tritt, während außerhalb dieser Gebiete unter der Wolkendecke eine für 
das Fliegen ausreichende Sicht herrscht. Für die größere Nebelhäufigkeit dürfte 
nicht nur die Höhe über dem Meeresspiegel, die auf dem Holsteinischen Land- 
rücken bis zu 90 m, auf dem südlichen Seeland bis zu 120 m sich erhebt, sondern 
auch die höhere Feuchtigkeit verantwortlich sein, die von den Seen der Hol- 
steinischen Schweiz hier, an der Ostsee dort geliefert wird, und die auch die 
relative Höhe der Wolken senkt. Bei gewissen Wetterlagen ist es aber möglich, 
das Nebelgebiet über Ostholstein östlich über Lübeck-Neustadt, das über Süd- 
seeland westlich über Slagelse zu umfliegen, Ähnliche Schwierigkeiten, wie über 
dem ostholsteinischen Hügelgelände, traten an der Flugstrecke Hamburg— 
Westerland in der Gegend von Itzehoe—Bad Bramsted-—-Hademarschen auf, wo 
Hügel bis zu 80 m Höhe aus den Niederungen der Elbe, der Stör und des 
Kaiser-Wilhelm-Kanals aufsteigen. An der Fluglinie Hannover-— Rotterdam sind 
bei schlechten Sichtigkeitsverhältnissen und niedriger Wolkendecke das Wieken- 
gebirge (275m) und die Schafberge, die nordwestlichen Ausläufer:.des Teuto- 
burger Waldes (170 m) fliegerisch ungünstig. . Bei schlechtem Wetter wird daher 
statt der gradlinigen Verbindung zwischen Hannover und Rotterdam der Umweg 
über Wunstorf -—Diepenau—Bramsche— Nor dhorn—Deventer— Utrecht gewählt, der 
die Höhenzüge vermeidet. So hat sich in der Praxis des Luftverkehrs selbst 
im Flachlande mit seinen geringen Höhenunterschieden schon eine Differenzierung 
vieler Flugstrecken in eine Schönwetter- und eine Schlechtwetterstrecke heraus- 
gebildet, Der Flug Hamburg— Westerland führte bei gutem Wetter in gerader 
Linie. über: das Wattenmeer. Wenn jedoch bei schlechtem Wetter, namentlich 
bei niedriger Wolkendecke, ein Überfliegen des Wattenmeeres mit Landflugzeugen 
unmöglich war, wurde über Dagebüll—Morsum geflogen, das Wattenmeer also an 
einer. ganz schmalen Stelle übersprungen. ; Se 
Nächst. dem Nebel stellen Gewitterböen eine Gefahrenquelle: für. den. Luft-
	        
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