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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1924,
wirt und Gärtner — diese Berufszweige kommen hier hauptsächlich in Betracht —
ist, soweit er nicht von Bewässerungsanlagen (Stauwerken u. dgl.) abhängig ist,
natürlich auch das örtliche Einzelwetter belangvoll, für den Volkswirt aber vor
allem die Witterung. Dem Erfassen der Zusammenhänge zwischen ihr und dem
kommenden Ertrage diente der von der Seewarte bis Oktober 1923 heraus-
gegebene „Zehntägige Witterungsbericht für die Landwirtschaft“, der
im 22, Jahrgang sein Erscheinen ans Mangel an Mitteln leider vorläufig ein-
stellen mußte.
Sein besonderes Gepräge erhielt er durch die Meldungen von 180 Mitarbeitern, meist prak-
tischen Landwirten. Nicht nur in diesen Berufskreisen erregte die einstweilige Einstellung der Her-
ausgabe lebhaftes Bedauern, sondern auch — und das erscheint volkswirtschaftlich besonders beach-
tenswert — aus der Mitte der Geschäftswelt wurden Stimmen laut: eine wichtige Grundlage zur
Abschätzung des kommenden Bedarfs wie der künftigen Preise ist uns entzogen worden!
Das gegenwärtige Wetter. — Auch hier spielt der kleinste Umfang des
Begriffs, jetzt in seinem zeitlichen Inhalt, eine Rolle, Die Beantwortung der
häufigen fernmündlichen Anfragen „wie ist der augenblickliche Barometerstand“?
ist für die Bestimmung von Instrumentalkorrektionen — man denke an die Bord-
barometer — wichtig !). Anfragen aus Sportskreisen über die „derzeitigen Schnee-
verhältnisse“ an den großen Wintersportplätzen sind hier ebenfalls zu erwähnen,
wenn der Bescheid auch häufig negativ ausfällt, da die Seewarte nur über die-
jenigen Stätten unterrichtet ist, die Beobachtungswarten des öffentlichen Wetter-
dienstes sind. — Ein Beispiel über die Verwertung der Kenntnis des gegen-
wärtigen Wetters muß hier besonders hervorgehoben werden. Ihm gebührt ein
dauernder Platz in der Geschichte der deutschen Wirtschafts-Meteorologie, weil
es in so hervorragendem Maße weitsichtigsten, unverkennbar vom freien Meere
beeinflußten „kaufmännischen Geist“ im besten Sinne des Wortes zeigt,
Der „Wachdienst für den Fischereihafen in Geestemünde‘ läßt sich, wirksam unterstützt
von dem „Wirtschaftlichen Verband der deutschen Hochseefischerei E, V.“, alltäglich morgens und
abends von der Seewarte eingehend berichten über die Wind- und Wetterverhältnisse an zahlreichen
Stellen der Nordsee und des Europäischen Nordmeeres (bis nach Island hin). Die sofortige Bekannt-
gabe der Nachrichten gibt den Fischereibetrieben und Fischhändlern laufend ein Bild davon, „unter
welchen Verhältnissen ihre Schiffe draußen arbeiten. Die Interessenten können dann annähernd
übersehen, wie groß die Fänge voraussichtlich sein werden und wann sie ihre Schiffe zurückzu-
erwarten haben.“ Die „zeitigere Festsetzung der Preise“ und die „schnellere und bessere Ab-
wicklung der Geschäfte“ werden als weitere Folgen des Verfahrens geltend gemacht!
Eine Reihe von Fragen taucht hier von selbst auf: kommt gleicher weit-
blickender Geist auch in den der Seewarte zugehenden Anliegen anderer Wirtschafts-
zweige zum Ausdruck? Sind Anzeichen dafür vorhanden, daß auch sonst unsere
Großhandels- und Industriekreise von der hier erörterten Möglichkeit, ihren Er-
wägungen über den Zukunftsbedarf, -ertrag und -preis eine festere Grundlage
zu geben, Gebrauch machen? Ist aus den beteiligten Kreisen der Wunsch laut
geworden, über die Witterung „hinten, weit in der Türkei“ oder gar in den
überseeischen Baumwoll-, Mais-, Reis-, Tabak-, Kaffee-Produktionszentren laufend
unterrichtet zu werden? Die letzte Frage ist mit „nein“ zu beantworten: „bis-
her noch nicht!“ Ein Feld zur Verwertung der Meteorologie im Wirtschafts-
leben liegt mithin noch brach — jedoch nur einstweilen, denn die beiden ersten
Fragen sind zu bejahen. „Kantönligeist“ offenbart sich jedenfalls nicht darin,
wenn beispielsweise ein Geschäftshaus, beraten durch die Deutsche Seewarte,
seine sämtlichen Überseebetriebe auf eigene Kosten mit meteorologischen Meß-
geräten ausstattet und die fachmännische Verarbeitung des reichen Beobach-
tungsstoffes selbst veranlaßt. Kurzsichtigkeit hiesiger Leitungen überseeischer
Unternehmungen trat auch nicht in der Tatsache zutage, daß in Deutsch-Ost-
afrika mit seinen 400 Beobachtungswarten 97 %, aller Weißensiedlungen dem
Mitarbeiterkreise der Landeswetterwarte angehörten, der überwiegend Betriebe
heimischer Erwerbsgesellschaften umfaßte.
1) freilich unter‘ Umständen auch sehr störend, nämlich, wenn der Wunsch zur Unzeit an
den diensthabenden Meteorologen ergeht. Unzeiten sind die Stunden, während deren die Verarbeitung
der einlaufenden Wetterdepeschen ihn: besonders in Anspruch nimmt: 7—10 Uhr morgens und abends,
sowie 2—4 Uhr nachmittags.