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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 52 (1924)

Castens, G.: Der Wetterdienst der Deutschen Seewarte im Wirtschaftsleben usw. 
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Der Wetterdienst der Deutschen Seewarte im Wirtschaftsleben 
und in der Rechtspflege. 
Von Dr. Gerhard Castens, 
Mehr als 100000 Personen erbitten alljährlich für gerichtliche Verhandlungen 
und sonstige Zwecke Auskunft vom Wetterbüro über vergangenes Wetter, 
Man hat berechnet, daß der Heuertrag um die Erntezeit noch im Werte von 
5 Dollar je Acre in 24 Stunden zunimmt. Beginnt die Ernte zu früh, so ist die 
Folge ein großer Verlust, Noch schwerer wertet dieser, wenn nicht rechtzeitig vor 
dem Eintritt des Frostes geerntet wird. Den günstigsten Augenblick muß der 
Landwirt an Hand der Wettermeldungen selbst wählen. . 
Die Offiziere des Luftschiffes R 34 stellten fest, daß die Wettervorhersagen 
dessen Verlust — 1 Million Dollar wertend — verhüteten., 
Die Vorhersage einer sehr strengen Kältewelle ersparte der Volkswirtschaft 
einen Verlust von 3!/, Millionen Dollar, 
Fast ein Drittel der gesamten Zuckerernte in Texas und Louisiana rettete 
{918 die amtliche Frostwarnung. 
Es steht fest, daß die Warnungen des Wetterbüros vor einem Hurrican Schiffe 
nebst Ladung im Werte von 30 Millionen Dollar in den Häfen des Atlantischen 
Ozeans zurückhielten, 
Die einleitenden Angaben sind einer Abhandlung!) C. F. Marvins ent- 
nommen, Professors der Meteorologie am Wetterbüro der Vereinigten Staaten von 
Nordamerika. Der deutsche Gelehrte kann zunächst ein Lächeln über diese „Dollar- 
Meteorologie“ nicht unterdrücken. Zu verkennen ist indes nicht: sie ist wirkungs- 
voll! Es handelt sich ja im Grunde genommen um die Verwertung einer Wissen- 
schaft, deren Stoff zum großen Teil von Nichtfachleuten geliefert wird und deren 
Früchte ebenfalls hauptsächlich solchen zugute kommen. Auf wie verschiedenem 
Bildungsniveau stehen nicht diese Mitarbeiter des Meteorologen — denn das sind 
beide: sowohl der Lieferer wie der gewisse Richtlinien für die Verarbeitung des 
Stoffes angebende Verwerter -—, und nicht nur sie, sondern auch die Volks- 
vertreter, die über die Bewilligung der Mittel für den Wetterdienst sich schlüssig 
werden sollen. Wirtschaftsmeteorologische Aufsätze lesen nur wenige, Den Wert 
des Dollars aber kennen alle! Die Umrechnung auf diesen Generalnenner er- 
zwingt die Aufmerksamkeit für den Gegenstand, hämmert — immer wiederholt — 
in die Köpfe die Mahnung ein: „Gebt der Wissenschaft die nötigen Mittel, sonst 
drohen Millionenverluste! Arbeitet rationell! Verwertet praktisch, was euch die 
Wissenschaft bietet!“ 
Die erzieherische Seite der „Dollar-Meteorologie“ ist zweifellos volkswirt- 
schaftlich von großer Bedeutung. Daß die Arbeit, sobald es dank der Methode 
gelungen war, das allgemeine Interesse auf die Sache zu lenken, bei einem geistig 
hochstehenden und nüchternen, praktischen Volke auf fruchtbaren Boden fallen, 
mithin Erfolg haben mußte, befremdet nicht, wenn man sich klar macht, auf 
welchen Grundlagen wirtschaftliche Überlegungen fußen. Sie verwerten Er- 
fahrungen?) aus dem Bereiche der angewandten Naturwissenschaften, der Land- 
und Forstwirtschaft, der Meteorologie und Klimatologie, der Etnographie, Pflanzen-, 
Tier-; Handels- und Verkehrsgeographie, der Technik und ferner eine Anzahl 
von Geisteswissenschaften (Psychologie, Ethik u. a. m.) In dieser Reihe gehören 
Meteorologie und Klimatologie zu den wenigen Wissenschaften, die in der Lage 
sind, einen großen Teil ihres Inhalts in „Zahlen“ auszudrücken, mithin die 
Möglichkeit bieten, Zusammenhänge auch zahlenmäßig nachzuprüfen. Daß gerade 
die Meteorologen der Vereinigten Staaten diesen günstigen Umstand mit Erfolg 
ins Feld führen konnten, um in weitesten Kreisen Verständnis für ihre Arbeit 
zu erwecken, — daß man gerade in Nordamerika schon lange vor der Gründung 
des amtlichen Wetterdienstes sich mit der angewandten wetterkundlichen Forschung 
1) Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, Vol, 6, 
1920, S. 561—572, Washington. Marvin: „The status and problems of meteorology“. 
2) Siehe Schmoller: „Volkswirtschaft, Volkswirtschaftslehre und -methode‘“ (Handwörterbuch 
der Stantswissenschaften. Bd. 8).
	        
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