Benkendorff, R.: Organisation und Arbeiten des Wetterdienstes der Deutschen Seewarte usw. 107
Wie die unter 2. geschilderten Funkwetterberichte, so werden auch die
Sturmwarnungen für die auf See befindlichen Schiffe drahtlos verbreitet, und
zwar senden:
Norddeich: Sturmwarnungen für die Nordsce je zweimal hintereinander sofort nach Eintreffen und
außerdem um: 0615, 1115 (im Anschluß an das Funkwetter‘, 7730 und 2230 (im An-
schluß an das Funkwetter).
Swinemünde: Sturmwarnungen für die Küste von Flensburg bis Leba je zweimal hintereinander
sofort nach Eintreffen und außerdem um: 0680, 1180 im Anschluß an das Funkwetter),
. 1750 und 2245 (im Anschluß an das Funkwetter).
Pillau: Sturmwarnungen für die östliche Ostsee, sofort nach Eintreffen dreimal hintereinander und
im Anschluß an „Funkwetter‘
Die drahtlosen Sturmwarnungen für die letzten beiden Funkstellen werden
wie die drahtlich gegebenen Warnungen von den Wetterwarten Swinemünde und
Königsberg herausgegeben.
4. Allgemeiner Auskunftsdienst.
Jede Wettervorhersage, jede Warnung, ist sie auch noch so eingehend und
bestimmt, hat immer den Nachteil, daß sie für ein größeres Gebiet gelten muß
und den meist recht verschiedenen Wünschen der Interessenten nicht im einzelnen
gerecht werden kann. Sie wird immer notgedrungenermaßen eine allgemeine
Fassung haben müssen. Die Veröffentlichung von Wetterkarten und Wetter-
übersichten ermöglichen schon einem mit der Materie vertrauten Leser der Vor-
hersage, diese für seine Zwecke zeitlich und räumlich zu deuten. Die beste
Wetterberatung wird aber dann erzielt werden, wenn der Meteorologe selbst über
den Zweck, für den die Beratung gewünscht wird, hinreichend unterrichtet ist
und nun auf Grund seines umfassenderen Überblicks und seiner Kenntnis der
inneren Zusammenhänge der Erscheinungen die Beratung selbst ausführen kann.
Mag das nun persönlich, telephonisch oder telegraphisch geschehen. In diesen
Fällen kann der Meteorologe die Vorhersage den Wünschen des Anfragenden
gemäß zuschneiden und ihm wichtige Ratschläge für seine Dispositionen geben,
In der Erkenntnis, daß solche für die Schiffahrt besonders wichtigen Wetter-
beratungen ständig sichergestellt sein müssen, ist von der Deutschen Seewarte
ein durchlaufender, sich auch über die Nachtstunden erstreckender Wetterdienst
eingerichtet worden. Auf die vielen Fälle einzugehen, in denen der Wetterdienst
der Schiffahrt zur Auskunfterteilung dienen kann, überschreitet den Rahmen
dieser Ausführungen.
Von allgemeinem Interesse dürften in diesem Zusammenhang folgende An-
gaben sein, die zeigen, in welchem Umfange die Wetterlage die Ursache von
Schiffsunfällen sein kann, Sir Westcott S. Abell, der Haupt-Surveyer der Lloyds-
Schiffsregisterbehörde, hat in statistischen Untersuchungen‘) über die Seeunfälle
der britischen Hochsee-Dampferflotte, sich erstreckend über die Jahre 1890—1913,
gefunden, daß 41%, der Gesamtzahl der beschäftigten Dampfer ‚von Seeunfällen
betroffen wurden und daß bei 15%, der beschäftigten Dampfer die Unfälle auf
die Wetterlage zurückzuführen sind. Ob und inwieweit die Zahl der durch die
Wetterlage verursachten Seeunfälle durch die Verbesserung und Vervollkommnung
der Wetterberatung günstig beeinflußt ist, läßt die Veröffentlichung nicht er-
kennen. Leider läßt sich das Problem nicht von der Gegenseite anpacken. Es
wird sich nur in wenigen Ausnahmefällen, und auch da nicht einmal objektiv
einwandfrei feststellen lassen, daß ein Seeunfall durch Ausnutzung der Wetter-
beratung verhütet worden ist.
Jedenfalls zeigen aber die angeführten Zahlen, daß trotz Erhöhung der
Tonnenzahl und der Sicherheitseinrichtungen in der Dampfschiffahrt das Wetter
noch von beträchtlichem Einfluß auf die Sicherheit von Schiff, Mannschaft und
Passagieren ist, und daß ein gut arbeitender Wetterdienst, richtig angewandt,
auch für die Hochseeschiffahrt nicht bedeutungslos ist.
1) Hansa, deutsche nautische Zeitschrift, 1921 Nr. 50/51. Luensee, „Die Lebensgefahr bei
Seeunfällen‘.