Benkendorff, R.: Der Nachrichtendienst im Rahmen des Wetterdienstes der Deutschen Seewarte. 101
Nicht sachliche Gründe sind es gewesen, die zu dem obigen, recht kurz
gehaltenen Schlüssel geführt haben, sondern lediglich der finanzielle Gesichts-
punkt — die Kosten für die Funkobs-Europa sind vom deutschen Wetterdienst
aufzubringen —. So mußte vieles Wertvolle, das der neue internationale Schlüssel
gebracht hatte, fallen gelassen werden, nicht zum besten des Wetterdienstes selbst,
Die Verbreitung dieser Telegramme erfolgt nun durch die für den Europa-
Verkehr vorgesehene Hauptfunkstelle Königswusterhausen, südlich Berlin gelegen,
auf Welle 5700 m ungedämpft. Durch eine Kabelader ist eine direkte Draht-
verbindung Seewarte—Berlin—Königswusterhausen hergestellt, auf der der für
den Wetterdienst zur Verfügung stehende Poulsen-Sender in Königswusterhausen
von der Seewarte aus fernbetätigt, getastet wird. Die Abgabe selbst erfolgt
durch Wheatstone-Maschinensender, und der den Gang des Sendeapparates beob-
achtende Funker kontrolliert gleichzeitig durch Mithören die in Königswuster-
hausen ausgestrahlten Zeichen. Durch diese Regelung ist jeglicher Zeitverlust
vermieden, und es verlassen nur einwandfreie Zeichen die Antenne in Königs-
wusterhausen.
Sendeprogramm deutscher Wettersammelberichte.
Telegramm
Funkobs-Europa — Nacht
Deutschland.
Europa I.
Deutschland,
Europa 11.
Deutschland.
Europa ILF.
Beobachtungstermin
Sendezeit
22h
8h Vm ;
2h Nm
7b
7h 50m bis 8h Om Vm;
bh 40m € oh 50m «
Jh 50m « {Oh Om «
3h 40m « 23h 50m Nm.
3h 50m « 4h Om «
Sh 40m « Sh 50m «
Qh 50m 33h Om -
Eine stark angespannte Arbeitsleistung ist notwendig, um dieses Sende-
programm durchzuführen, Schon während die Funksprüche auf der Funkenstation
aufgenommen werden, findet die Umsetzung in den Einheitsschlüssel und sonstige
Umrechnungen wie Millibar in Millimeter, Fahrenheit in Celsius usw. statt, und
so fertig aufgenommen gehen sie auch schon umgeschlüsselt mit der Rohrpost
ins Wetterdienst- und Telegraphistenzimmer, Hier werden sie durch Stanzen für
die Abgabe durch den Wheatstone-Sender in der lückenlosen Reihenfolge, in der
sie einlaufen, verarbeitet, und nach einer kurzen Prüfung der Kabelleitung und
des Tones des Königswusterhausener Senders führt der abgebende Funker pünkt-
lich zu Sendebeginn den Lochstreifen in die Maschine ein und überwacht während
der ganzen Sendezeit Ton und Geschwindigkeit der Sendezeichen und Inhalt der
Telegramme. .
Die hier geschilderte Nachrichtenorganisation umfaßt nun lediglich die
Wetternachrichten, die die Grundlage des meteorologisch-synoptischen Dienstes
abgeben. Das in den Telegrammen enthaltene Material wird laufend, mit dem
Eingang der Nachrichten Schritt haltend, in Karten zur Darstellung gebracht.
Diese Karten geben dann einen Überblick über die Verteilung der verschiedenen
Witterungselemente über dem Nachrichtengebiet und der Vergleich mit den
Kartendarstellungen der vorhergehenden Beobachtungstermine und Tagen die
Veränderung der Witterungselemente. Auf Grund dieser Diagnose wird dann
die Prognose, die Wettervorhersage herausgearbeitet, Diese Vorhersage nun mit
möglichster Beschleunigung allen sie benötigenden Kreisen unserer Wirtschaft
zuzuführen, ist eine weitere Aufgabe des Nachrichtendienstes, eine Aufgabe, die
hinsichtlich ihrer Wichtigkeit der oben geschilderten gleichzustellen ist. Alle
Nachrichtenmittel sind zu ihrer Lösung herangezogen worden, Fernsprecher,
Telegraph und drahtlose Telegraphie, und doch ergibt sich bei näherem Zusehen,
daß diese Aufgabe wohl der dem augenblicklichen Stande der Technik nach
möglichen Lösung nahe gebracht, aber noch keineswegs endgültig gelöst ist.
Es sind besonders die abseits der Hauptverkehrslinien wohnenden Interessenten,
denen der Nachrichtendienst bisher nicht im wünschenswerten Maße gerecht
werden konnte. Hier kann aber der Rundfunk helfend eingreifen. Er bietet
die Möglichkeit, allen Inhabern von Rundfunk-Empfängern die Wetternachrichten
zur gleichen Zeit zugänglich zu machen, Bei dem Wert, den heute rechtzeitig
Ann. d. Hydr. usw. 1924, Heft V.