Pettersson, O.: Bemerkungen zu der Abhandlung: Die atlantische Vertikalzirkulation usw. 71
Strömung in 400—1200 m Tiefe von 40° S-Br. bis zum Äquator und den ent-
gegengesetzt verlaufenden Tiefenstrom von 1200 m bis etwa 3000—3500 m, welcher
absinkendes Tropenwasser von der nördlichen Hemisphäre bis zu hohen süd-
lichen Breiten befördern soll. Die Existenz des erstgenannten antarktischen
Unterstromes ist von Brennecke endgültig festgestellt. Ich zitiere hier Schotts
Worte: „Durch Stationen sowohl im westlichen als auch im östlichen Becken des
Südatlantischen Ozeans.ist das in den ebengenannten Tiefen!) ersichtliche
Minimum?), von dem aus nach oben und unten hin der Salzgehalt steigt, ge-
sichert, und wir dürfen es wohl als eine mächtige Fernwirkung antarktischer
Vorgänge bis in die Tropen hin deuten“.
Was sind das für antarktische Vorgänge? Diese Frage habe ich aufgestellt
und auf den. Seiten?) 527 bis 532 meiner „Bemerkungen“ zu Schotts Geographie
dahin beantwortet, daß gerade in den Breiten von 40°—43° S, wo diese ant-
arktische Strömung ihre Wurzeln hat, die nördliche Grenze des antarktischen
Treibeises sich befindet. Eben hier trifft das von den niedrigeren Breiten pol-
wärts fließende wärmere und salzhaltigere Wasser auf das Treibeis, wobei sich
die bekannte Einwirkung von Salzwasser auf Eis einstellt, welche ein mächtiges
Kraftfeld im Meer generiert, das sich in dem Solenoidenschnitt auf Tafel XII*)
der erwähnten Abhandlung durch das dichte Punktsystem in 40° S-Br. kundgibt,
und zugleich den gewöhnlichen Effekt des Schmelzprozesses von Eis in Meer-
wasser ausübt, indem Wärme in mechanische Arbeit umgesetzt und als Treib-
kraft für die von den deutschen Hydrographen konstatierte antarktische Unter-
strömung disponibel wird.
Das sind alle Entdeckungen und Theorien, welche seit 10 Jahren bekannt,
aber früher nicht diskutiert sind. Merz und Wüst haben sich sogar bemüht
zu beweisen, daß die Existenz der antarktischen Strömung schon von den älteren
Hydrographen Buchan und Buchanan erwiesen ist. Die Beweiskraft ihrer
Argumente wird man erst nach dem Erscheinen ihrer in Aussicht gestellten
größeren Arbeit beurteilen können, aber von dem, was schon vorliegt, kann man
sich eine Vorstellung machen von der Mühe, welche diese Autoren sich gegeben
haben, aus diesen älteren Beobachtungen mit Casella-Thermometern und Hydro-
metern einen Wahrheits- — oder soll man sagen Wahrscheinlichkeits- — Kern
herauszuschälen, eine Rehabilitierung, welche die Altmeister der Ozeanographie,
falls sie in ihrer Lebenszeit eingetroffen wäre, gewiß erfreut — und überrascht
hätte. Jedenfalls hat man hier ein hübsches Beispiel des wissenschaftlichen
suum cuique, worüber die noch lebenden Vorgänger der Herren Merz und Wüst
sich freuen dürfen. ®
Ich bin eingenommen von der Idee, daß°) warmes Tropenwasser von dem
Nordatlantischen und dem Indischen Ozean als Unterstrom vordringt nach hohen
südlichen Breiten unter der eisgefüllten, Oberfläche des antarktischen Meeres,
Auch im höchsten Norden hat man ja ein Beispiel von solchen Vorgängen, wo-
raus ich Schlüsse gezogen habe über den Einfluß der Eisschmelze auf die
ozeanische Zirkulation und die Entstehung des eiskalten Bodenwassers des nor-
wegischen Nordmeeres, welches ja die Gleichgewichtstemperatur zwischen
schmelzendem Eis und Salzwasser zeigt; ‚Schlüsse, welche Nansen in einer für
die Autoren Merz und Wüst so überzeugenden Weise widerlegt hat®). Ich ge-
stehe, daß ich mit Ungeduld und Zuversicht eine künftige rationelle dynamische
Behandlung des großartigen von Brennecke heimgebrachten antarktischen
Beobachtungsmateriales abwarte. Denn die Berechnungen von Sandström sind
gerade auf diesem Gebiet (dem südlichen Atlantik) unzureichend wegen der auf
Seite 65 genannten Umstände und bedürfen einer Revision.
Nach Schott 500—1000 m (in Schotts Geographie des Atlantischen Ozeans).
Nach Schott 4°—5° Temperatur, 34.5% , Salzgehalt. nach Brenneckes Messungen,
Internationale Revue 1913, 1. c. Kapitel IT.
„Wahrscheinlichkeiten“ 1. c.
5) Nach Brennecke,
6) Merz und Wüst 1, ec, Seite 20, Zu den dort angeführten zitierten Schriften erlaube ich
mir folgende hinzuzufügen: Petermanns Mitteilungen 1900, Seite 84, —’ Geographical Journal, London,
1906, Bd. 24. Seite 285. —— Veröffent]l. des Instituts für Meereskunde 1908, Heft 12.
\