Annalen der Hrdrographie und Maritimen Meteorologie, März 1923.
die gleich darauf folgende Aussage: „Damit scheint uns für die Annahme einer
vorwiegend oder gar reinen thermischen Zirkulation im Weltmeere, der neben
O. Pettersson in neuerer Zeit auch F. Nansen zuneigte, endgültig der Boden
entzogen zu sein“, muß ich Widerspruch erheben.
Meine Ansichten über die wirkenden Ursachen der ozeanischen Zirkulation
habe ich schon in der Arbeit von 1904!) und später in den Bemerkungen zu
Schotts Geographie des Atlantischen Ozeans?) ausführlich dargelegt und hoffe,
daß es überflüssig ist, diese Sache noch einmal ausführlich zu besprechen. Ich
brauche nur zu sagen, daß ich dauernd folgendes vertreten habe:
1. Daß die ozeanische Zirkulation in den höheren Niveaus allerdings von
Windwirkung stark beeinflußt wird, aber der Hauptsache nach ihre Treibkraft von
den im Meere selbst vorhandenen inneren Kraftfeldern und Energiequellen erhält.
2. Daß diese Energie von einstrahlender Sonnenwärme herrührt und daß
somit die Zirkulation im großen und ganzen als ein thermodynamischer
(„Carnotscher“) Kreisprozeß zu betrachten ist, dessen Nutzeffekt ich zu höchstens
Ma, = 0.09 der vom Meer empfangenen Sonnenwärme®) schätze. Er kann mit
1
demjenigen einer Dampfmaschine verglichen werden, deren Kessel in den tropischen
und deren Zylinder und Kondensatoren in den arktischen und :antarktischen
Meeresregionen sich befinden.
3. Daß von den bis jetzt gebrauchten analytischen Methoden die von
Bjerknes und Sandström entwickelte, welche in den Ausführungen von
Helmholtz und Kelvin wurzelt, die einzige ‚ist, welche bisher imstande ist,
uns über die Lage der inneren Kraftfelder zu orientieren und zu quantitativer
Berechnung der Bewegungskomponente im Meere zu führen. Sie ist ein fein-
geschliffenes Werkzeug, welches die mathematische Physik in die Hände der
Ozeanographen gelegt hat, und kann nicht durch Berechnungen, welche von
statischen oder isostatischen Vorstellungen ausgehen, ersetzt werden.
Das Problem, welches den Scharfsinn des Ozeanographen gegenwärtig auf
Probe stellt, ist die Wechselwirkung der beiden Kraftfelder: des Meeres und
der Atmosphäre; ein Problem, welches so formuliert werden kann: „Bis zu
welcher Tiefe beherrscht die Wirkung der Winde die Zirkulation im
Meer?“ Ich hoffe, daß die Zeit vorüber ist, wo man mit Zöppritz die Ant-
wort gab: „Bis zu jeder Tiefe; eine Meeresströmung, welche einmal vom Winde
in Gang gesetzt ist, reicht bis zum Boden, wenn der Zustand nach Hundert-
tausenden von Jahren stationär geworden ist.“ Viel weiter ist. man nicht ge-
kommen nach 40 Jahren! Ich würde empfehlen, einzelne Fälle gesondert zu
studieren. Einen solchen Fall bietet die Wasserbewegung im Sargasso-Meer, wo
in einer gewissen Tiefe die zentrifugal wirkenden inneren Wasserkräfte und die
zentripetal wirkenden Windkräfte sich das Gleichgewicht halten; man sollte mit
anderen Worten sich der von der Experimentalphysik bekannten 0-Methode
bedienen. Wollen wir sehen, wie die Hydrographen der dänischen Expedition
dieses Experiment, . welches die Natur ihnen in großartigstem Maßstab zurecht-
gelegt hat, behandelt haben? Für die Dana-Expedition würden diese Verhältnisse
ein besonderes Interesse darbieten, denn es wäre denkbar, daß sie Einfluß ausüben
auf das Leben und Wandern der kleinen Leptocephaliden. Diese werden nämlich
in den tieferen Regionen von etwa 1000 m ausgebrütet, wo: die Aalmütter ihr
mystisches. Accouchement erleben. Die inneren Auftriebkräfte im Meere würden
vielleicht ein Transportmittel für diese winzigen Larven darbieten, um von ihrer
Geburtsstätte zu der Tiefe von 100—150 m unter der Oberfläche zu gelangen,
wo sie so zahlreich wie die Quallen in unseren Fjorden auftreten.
Ich komme jetzt zu dem interessantesten Teil der Arbeit von Merz und
Wüst, wo sie in großzügiger Darstellung ihre Ideen über die Horizontal-
bewegungen in den mittleren Niveaus des Ozeans darlegen, nämlich die antarktische
Seite 32 und 33 in der Abhandlung: „Über die Wahrscheinlichkeiten usw.“. 1904,
Seite 521—532 in der Internationalen Revue, Bd. V, H. 5/6, 1913.
, Die übrigen %,1 der Wärmeenergie werden als freie Wärme dem Moeereswasser und der
Atmosphäre zugeführt und gehen schließlich durch Ausstrahlung in den Weltraum verloren (.‚Dissipation
af energy“). Siehe „Über die Wahrscheinlichkeit usw.“ l. ©
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