36 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1923,
dem 5. Abschnitt, Prüfung der Ergebnisse durch Berechnung der Druckverteilung,
enthalten ist.
Ich glaube nämlich nicht, daß man auf dem von Merz und Wüst ge-
wählten Weg, die Wasserbewegungen durch Differenzen in dem hydrostatischen
Überdruck, gemessen von einer willkürlich gewählten Niveaufläche im Meer, zu
quantitativen Resultaten gelangen kann. Es ist ja dies der alte von Mohn in
seiner Arbeit über die Wasserzirkulation im Norwegischen Meer eingeschlagene
Weg, welcher zu Ergebnissen geführt hat, die für die moderne Hydrographie
meistens nur historisches Interesse darbieten. Für mich ist diese Methode nicht
ansprechend, erstens weil die Annahme von einer unbeweglichen Niveaufläche
(eine stromlose Schicht, in der Druckgleichheit herrscht), welche auf einer Ent-
fernung von 50 Breitengraden eine äquidistante Lage vom Erdmittelpunkt bei-
behalten soll, auf mich den Eindruck macht von einer Fiktion ad hoc: d. h. um
die entgegengesetzt gerichteten Bewegungen des antarktischen Wassers (zwischen
400 und 1200 m) und des Tropenwassers (zwischen 1200—3000 m) zu erklären.
Von meinen eigenen Beobachtungen in dem beschränkten Gebiet vom Skagerak
und dem Gullmarfjord schließe ich, daß eine solche ruhende Niveaufläche un-
aufhörlich von internen parallaktischen Gezeitenwellen mit Amplituden von
Hunderten von Metern deformiert werden müßte. Es gibt keine ruhende Schichten
im Meer!
Zweitens erscheint mir diese Betrachtungsweise nicht als ein Fortschritt
im dynamischen Studium des Meeres, sondern als ein Rückfall auf veraltete An-
schauungen aus der Zeit von Croll, Carpenter und Mohn, und ich begreife
nicht, daß die Meeresforschung fortwährend Abstand nimmt von der Bjerknesschen
Solenoiden-Theorie!), welche jetzt auf die Meteorologie reformierend einwirkt,
oder daß der Ausbau dieser Theorie, welchen Sandström machte, indem er das
„elektrische“ Kraftfeld der Solenoide in ein „magnetisches“ (nämlich dasjenige
der auf- und absteigenden Kräfte-Komponente) umrechnete, fortan unbenutzt bleibt.
Hydrostatischer Überdruck ist natürlich ein Faktor in der ozeanischen
Zirkulation, und ich ersehe. aus den Ausführungen von Merz und Wüst, daß
man auch von diesem Gesichtspunkt zu qualitativ richtigen Vorstellungen ge-
langen kann, besonders wenn man in der Wahl der Lage der isostatischen
Grundfläche im Meere, von wo. der Überdruck zu rechnen ist, glücklich ist.
Aber dieser Faktor ist nicht der ausschlaggebende. Daß es Hügel und Täler,
oder vielmehr Furchen, im Ozean gibt, ist eine uralte und bewährte Vorstellung
und ich habe in der Abhandlung über „die Wahrscheinlichkeit von periodischen
und unperiodischen Schwankungen in dem atlantischen Strome“, S. 30— 32, be-
sonderes Gewicht gelegt auf diese hydrographischen Formationen, welche ich
als die „Aktions“- und „Reaktionszentren“ der ozeanischen Zirkulation bezeichnet
habe?). Ich betrachte aber diese, durch das vorherrschende Stromsystem stationär
gewordenen Unebenheiten in der Meeresoberfläche nicht als besonders wirksame
Zentren von hydrostatisch akzelerierenden Kräften, sondern vielmehr als In-
dikatoren von dem Vorhandensein von mächtigen inneren Kraftfeldern in der
Tiefe. Diese inneren Kraftfelder sind ungleich wirksamer als der hydrostatische
Überdruck und können sogar Veranlassung dazu geben, daß Meeresströmungen
zeitweise den Prinzipien der isostatischen Theorie nicht gehorchen. Besonders
häufig dürfte das der Fall sein im Großen Belt, wo ich das Verhältnis zwischen
Ober- und Unterstrom mehrere Jahre studiert habe. Im Belt, im Sund, in der
Beltsee, wird der Wasseraustausch zwischen dem Ozean und der Ostsee von
einem außerordentlich kräftigen inneren Kraftfeld beherrscht, welches durch die
schiefe Lage der Isobaren uud Isosteren und durch den großen: Unterschied in
der Dichte der ein- und ausfließenden Wassermassen entsteht. Der mittlere
Niveauunterschied zwischen der Ostsee (Gjedser) und Kattegat ist so klein (etwa
1) oder höchstens unwesentliche Einzelheiten davon berücksichtigt (Seite 29 der Abhandlung
„Die atlantische Vertikalzirkulation“‘).
2) Siehe z. B. die Darstellung auf Seite 30 in meiner Abhandlung: „Über die Wahrscheinlich-
keiten von periodischen und unperiodischen Schwankungen in dem atlantischen Strome“, 1904.
SH. B. Komme Skrifter, Heft II.