Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1923,
Lord Kelvin hat eine Lösung der Differentialgleichungen der Wasser-
bewegung in einem unendlich langen, gleichförmigen, geradlinigen Kanal, der um
eine vertikale Achse rotiert (Erdrotation), gegeben. Die in der positiven
Richtung des Kanals fortschreitenden freien Wellen!), die möglich sind, zeigen
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eine Hubhöhe &, die durch die Beziehung 5 = a6 © cos (ot— Lx + c} gegeben
ist, worin c?=gh und w die Winkelgeschwindigkeit der Rotation bedeuten ?),
Der Exponentialfaktor zeigt, daß die Hubhöhe der freien Welle zunimmt, wenn
man von der einen Seite des Kanals zur anderen übergeht, wobei sie auf jener
Seite am kleinsten ist, welche in bezug auf die Rotation vorangeht. Von Interesse
ist auch, die horizontalen Ströme' zu kennen, die mit dieser Welle verbunden
sind; man erhält u = A und v=-0, d.h. die Bewegung der. Wasserteilchen ist
auf die Längsrichtung des Kanals beschränkt, Querströme kommen nicht vor,
trotz der verschiedenen Hubhöhen auf beiden Seiten des Kanals. Der ablenkenden
Kraft der Erdrotation, die solche Querströme bedingen müßte, wird in diesem
Falle durch den horizontalen Druckgradienten, der dadurch entsteht, daß die
Amplitude der Welle auf der einen Seite größer als auf der anderen ist, gerade
das Gleichgewicht gehalten?).
_ Eine solche, in der Längsrichtung eines unendlich lang gedachten Kanals
fortschreitende Welle führt den Namen einer »fortschreitenden Welle Kelvinschen
Typus«. Denken wir uns den rotierenden Kanal an einer Stelle durch eine
feste Schranke gesperrt, so ist zu erwarten, daß an dieser Stelle eine auf diese
Schranke zu fortschreitende Kelvinsche Welle reflektiert wird. In einem nicht
rotierenden Kanal wird man der durch die Reflexion bedingten Wasserbewegung
dadurch gerecht, daß man der gegen die Schranke zu fortschreitenden Welle
eine ebensolche in entgegensetzter Richtung laufende superponiert; an jedem
Punkte der Schranke wird auf diese Weise die horizontale Wasserverschiebung
gleich Null und die Reflexion der Welle ist total; aus einer fortschreitenden
Welle wird bekanntlich eine stehende, mit einem Hubhöhenmaximum an der
Schranke, d.i. am Ende der Bucht. Im Falle eines rotierenden Kanals sind die
Verhältnisse nicht mehr so einfach. Die Reflexion der Kelvinschen Weile am
Ende der Bucht kann nicht in einfacher Weise erfolgen, da die Superposition
zweier Kelvinschen Wellen, die in entgegengesetzter Richtung längs des Kanals
wandern, an keiner Stelle des Kanals auf einer Linie quer zur Längsachse
desselben eine horizontale Wasserbewegung Null ergibt, eine Stelle, an der eine
feste Schranke im sonst unendlich langen Kanal ohne Störung der Wasserbewegung
auf beiden Seiten der Schranke gesetzt werden könnte,
Wenn eine totale Reflexion der Kelvinschen Welle am Ende der Bucht
tatsächlich erfolgt, so kann dies demnach nicht in so einfacher Weise vor sich
gehen, wie wenn keine Rotation vorhanden ist, sondern für den innersten Kanal-
teil vor der Schranke wird eine Störung der einfachen Wasserbewegung, wie sie
sich bei der Superposition der zwei Kelvinschen Wellen einstellen würde, erfolgen.
Die Größe dieses Störungsgebietes wird in erster Linie von der Periode der
Welle und der Breite des Kanals abhängen,
Taylor gelingt es, eine Lösung des Problems in folgender relativ ein-
facher Weise zu finden: Er nimmt zunächst die Superposition zwei einander
entgegenlaufender Kelvinscher Wellen als partikuläre Lösung an; auch diese
) Lamb, Hydrodynamik, Deutsche Ausgabe $ 207, S. 375.
?) Im Falle eines Kanals der Erdoberfläche ist hierfür wsing zu setzen; w die Winkel-
geschwindigkeit der Erde, g die mittlere Breite des Kanals.
3) Bei der bisherigen Berücksichtigung der ablenkenden Kraft der Erdrotation auf die Wasser-
bewegung einer Längsschwingung ist auf diesen Punkt nicht Rücksicht genommen worden. Hierin
dürfte auch der Grund liegen, daß man mit ihr wohl angenähert richtige Resultate betreffs der
Hubhöhen und Flutstunden erhält, nicht aber betreffs der Gezeitenströme, Denn das stets vor-
handene Gleichgewicht zwischen Druckgradient und ablenkender Kraft der Erdrotation läßt es nicht
zu Querschwingungen, zu denen auch notwendigerweise Querströmungen gehören, kommen. Deshalb
fehlen auch im Englischen und im Irischen Kanal zum großen Teil die Querströmungen, eine Er-
scheinung, für die man früher keine Erklärung geben konnte.